Das religiöse Erbe Europas (2): Rückbesinnung?

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Bei dem Versuch einer geistigen Renaissance Europas ergeben sich einige entscheidende Streitfragen. Einig ist man sich bei der notwendigen Rückbesinnung auf das Eigene. Aber worauf nun eigentlich? Während die Einen das Bollwerk des vereinten Christentums gegen frühere islamische Eroberungsversuche Europas ins Feld führen, erkennen andere nur in bestimmten Gedankenschulen des Christentums dessen Nachfahren: Der eine lehnt das Zweite Vatikanische Konzil ab, der nächste besinnt sich auf die vermeintliche Authentizität der orthodoxen Christenheit. Drüben steht ein Dritter, für ihn ist nur ein reformiertes, protestantisches Christentum wirklich europäisch. Fünfhundert Jahre sind vergangen – die Debatte bleibt ewig jung.

Auf der anderen Seite stehen all jene, welche einen Schritt weitergehen wollen und auch das Christentum hinter sich lassen. Hier ist jener, welcher den wissenschaftlichen Fortschritt als humanistische Errungenschaft sieht und generell jedem religiösen Glauben abschwören will, er bezieht seine Liebe für Europa aus dem Weltlichen.

Dann ist da noch jener, welcher einen Schritt weiter gehen will: Eine wirkliche europäische Wiedergeburt, so seine Ansicht, könne nur mit einer Erneuerung des mancherorts ausgiebig, aber andernorts nur relikthaft erhaltenen heidnischen Erbes einhergehen. Immerhin, so die These, habe das Christentum selbst seinen Ursprung außerhalb Europas und sei erst im Laufe der Jahrhunderte aus einem beidseitigen Anpassungsdruck europäisiert worden. In seinen Grundfesten und Lehren bereite es hingegen vielen Problemen der Jetztzeit den Weg.

Die Symbiose macht Europa aus

Eine ständige Gratwanderung zwischen dem ehrwürdig-hehren „deus vult“ der Kreuzzüge und dem urtümlich-unbeugsamen Geist seefahrender Wikinger in Lindisfarne. Dabei haben beide Gedankenschulen ihre Berechtigung – und eigentlich müssen sie sich nicht ausschließen. In der heutigen Zeit ist es die Einigkeit untereinander, welcher die Zukunft unseres Europas entscheiden wird: divide et impera macht uns schon lange zu willfährigen Opfern unserer eigenen Streitsucht. Dabei ist es völlig egal, welcher Lehre man sich selbst zugehörig fühlt: Ob Christ, ob Heide, ob Atheist – der Schlüssel liegt im Verständnis für das gesamte Erbe Europas. Dieses ist nur greifbar, wenn man vorchristliche, christliche und weltliche Erkenntnisse versteht, vermengt und vertritt.

Es ist weder für einen Christen zielführend, sich eine Wiederkehr der Hexenverbrennungen zu wünschen, noch geziemt es sich für einen aufrechten Heiden, das hohe Erbe von Baumeistern und Künstlern in Form romanischer, gotischer oder barocker Kirchen zu verkennen. Weder sollte ein umgehacktes Gipfelkreuz die Feierstimmung im einen Lager erhellen – noch sollte das andere Lager sein Gegenüber zu einem ketzerischen Hippie im nackten Tanz ums Lagerfeuer verklären. Auch der „Glaubenskampf“ des Atheisten sollte sich nicht gegen das Kreuz im Herrgottswinkel unserer Klassenzimmer richten, sondern gegen die Islamisierung Europas. Diese stellt die schleichende Ausbreitung einer Ideologie dar, deren heiliges Buch den Ungläubigen höchste Qualen und seinen Abtrünnigen den Tod verspricht. Eines ist gewiss: im islamischen Kalifat ist für alle drei kein Platz.

Die Schlüsselrolle des Brauchtums

Der Schlüssel für das Verständnis ist wie so oft das althergebrachte Brauchtum. So mancher Tradition, wie etwa das Osterfeuer, geht in fast unverfälschter Art auf eine heidnische Wurzel zurück – da darf es nicht stören, wenn es auch der Dorfpfarrer weiht. Der gläubige Christ, welcher dann dessen Fackel begleitet, um die Ortskirche symbolisch zu erhellen, wird sich ebenso wenig daran stören, dass sein Nächster darin nicht die Leiden Jesu, sondern die freudige Wiederkehr der Natur im Frühling erkennt.

Und in der Vorweihnachtszeit zeigt uns der Brauch der Krampus- und Perchtenläufe: Unter dem Fell vereint die gemeinsame Liebe für das Erbe der heimischen Kultur. Und zwar egal, ob er mit einem besonders furchteinflößenden Gewand den Teufel vertreiben will oder feierlich die mythische wilde Jagd zelebriert. Zum landauf, landab gefeierten Brauch wurde es ohnehin erst durch die Symbiose verschiedener Denkweisen über die Jahrhunderte hinweg. Streicht man die Hälfte davon, ist der Brauch die Hälfte wert – die Weitergabe der Fackel macht das Brauchtum spannend, nicht die Anbetung der Asche.

Leitkultur geht nur gemeinsam

Auch in der Glaubensfrage zählt deshalb: Europa kann und wird nur als Einheit neu erstarken – und mit gegenseitigem Respekt füreinander. Auch das ist ein Teil der Vielfalt der Völker Europas, auch das ist ein Wert an sich. Ob katholisch, evangelisch, orthodox, heidnisch oder atheistisch – es zählt der Zusammenhalt der Europäer. Alle Bestandteile welche das heutige Europa miterschaffen haben, gehören unweigerlich zu unserem Kontinent. Und: obwohl es nie die ausgewiesen alleinige Leitkultur darstellte – dazu gehört auch das Judentum. Einmal als eine der Wurzeln des Christentums, einmal als geschichtlich das Abendland prägendes Element, und zuletzt auch als Teil des europäischen Schaffensgeists: Die Zweigs, Mendelssohns, Straussens und Heines dieser Welt stammten allesamt aus – teilweise zum Christentum bekehrten – jüdischen Familien.

Diesen Befund kann man dem Islam wiederum nicht bescheinigen. Freilich haben islamgläubige Berber in Andalusien einen großen Anteil zu unserem heutigen Wissen geliefert. Und ebenso freilich gibt es auch heute noch autochthone Gruppen in Europa, welche vorwiegend muslimisch sind – und man kann niemandem seinen eigenen „Zugang zu Gott“ verwehren. Aber: unsere Gemeinsamkeit mit ihnen gründen sich nicht auf einer Ideologie, welche sich als Eroberer gegen unsere Heimat Euripa richtet. Sondern auch hier auf einer gemeinsamen Leitkultur Europas. Und diese Leitkultur ist unumstritten abendländisch. Der morgenländische Islam als historische Antipode zu unserer Lebensrealität gehört hingegen nicht dazu.

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