Das Prinzip der Unfreiheit (II): Jacques Ellul

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Hier geht es zum ersten Teil.

Die Stärke der Instinkte: von der Revolution zur Revolte

Wie eine Fortsetzung mutet das Wirken von Jacques Ellul an, das aus vielerlei Gründen auch eine Weiterführung ist. In Jacques Ellul begegnet man der wohltuend klaren, oft beinharten Aussprache eines durch und durch geerdeten Menschen. Manche seiner Aussagen haben die Wirkung von Ohrfeigen, die jeden Illusionisten schmerzen und aus seinem Schlafwandel aufwecken. Immer findet man bei diesem originellen „Selfmade-Intellektuellen“, der im Krieg seine Familie einzig mit einem Ackerboden über Wasser gehalten hatte eine prophetische Note und einen Spürsinn für das Subversive (Ellul hält das Christentum für die subversive Religion schlechthin).

Auch er ist kein Zyniker. Wie könnte er das als Glaubender auch sein? Jacques Ellul ist Aufklärer, Pädagoge und Mutmacher. Die Ideologien, gleich welcher Couleur, verachtet er, ebenso wie die Politik. Von ihrer Wirkungslosigkeit ist er in Zeiten technischer Alleinherrschaft überzeugt. Einzig dem Anarchismus fühlt er sich seelenverwandt, ohne ihn freilich zu verherrlichen oder seine Gesellschaftsordnung zu propagieren. Dem Kapitalismus sagt er kein langes Leben voraus und warnt gleichzeitig immer wieder vor staatssozialistischen Experimenten. Seinen Marx hatte er in der Jugend gelesen und sich nach anfänglicher Begeisterung von ihm abgewandt. Eine schillernde, kratzbürstige und warmherzige Gestalt, die sich am Rande der französischen Tagesaktualität tief in der gaskognischen Provinz eingerichtet hatte, die keine Massen anzog, deren Haus aber für jeden offen blieb und die um Paris stets einen weiten Bogen machte (in den USA gelangt er seltsamerweise zu einiger Bekanntheit). Ein Hinterwäldler mit bemerkenswerten Einsichten in das Funktionieren modernster, technisierter Gesellschaften.

Der französischer Soziologe und Theologe Jacques Ellul. (Bild: Jan van Boeckel, ReRun Productions [CC BY-SA 4.0])
1912 wird Jacques Ellul als Sohn eines maltesischen Vaters mit serbischen Vorfahren und einer portugiesischen Mutter, die Protestantin ist, in Bordeaux geboren. Ähnlich de La Boéties studiert auch er Jurisprudenz und begegnet seinem lebenslangen Freund Bernard Charbonneau (1910-1996), einem charismatischen Lehrer, mit dem er später ökologisch orientierte Basisgruppen im Gebiet der atlantischen Pyrenäen gründen wird. Beide setzen sich vehement gegen den Einzug des Massentourismus und seiner Bettenburgen an die Atlantikküste nach dem Vorbild der Côte d’Azur ein. Die Bewegung hat zwar einigen Erfolg, doch der sich allmählich herausschälende politische Ökologismus trifft auf die Kritik von beiden, so dass sich Charbonneau resigniert in ein quasi-eremitisches Leben zurückzieht.

Ellul ist umtriebiger. Während des Krieges war er stellungslos geworden und hatte sich als Dilettant, der Not gehorchend, in die Landwirtschaft gestürtzt. Später wird er jeder jungen Generation raten, nicht nur das Tippen auf einer Tastatur zu erlernen, sondern auch das Bestellen eines Feldes. In dieser Zeit wird sein Hof Anlaufstelle für Résistance-Kämpfer und geflohene Juden. Die politischen Machenschaften einstiger Résistance-Kameraden nach dem Krieg widern ihn so sehr an, dass er sich aus der Lokalpolitik ganz zurückzieht.

Technik als Schicksal

Jacques Ellul wird zum scharfen Beobachter der 1968iger Mai-Revolte (für ihn eine schein-marxistische Auflehnung gegen den Konsum, dem die verwöhnten Protagonisten selber verfallen werden) sowie des Heraufbrechens eines technologischen Zeitalters. Viele seiner Werke kreisen um die Problematik Technik-Mensch-Gesellschaft.

Technik ist zum Schicksal der Menschheit geworden. Ihre Entwicklung verläuft nicht nur rasant und fast unkontrolliert, sondern auch ohne eigentliches Subjekt. Der Mensch gehorcht in den Augen Elluls immer zuerst der Technik, bevor er ihr dann eine ideologische Rechtfertigung verleiht. Die ihr innewohnende Beschleunigung zwingt ihn in vielen Bereichen zu Oberflächlichkeit und Vereinzelung. Gemeinsame Interessen gibt es fast nicht mehr und werden auch nicht mehr gemeinsam verteidigt. Das Leben wird zu einem einzigen Anpassungsprozess, der von Mal zu Mal schneller abläuft. Bei allen Vorteilen, die Ellul auch keineswegs pauschal ablehnt, führt diese technologische Entwicklung jedoch dazu, Sinnhaftigkeit von Verfahrensfragen abzulösen. Der Mensch verliert etwas wesentlich Menschliches, er wird zum Modell. Und Modelle werden entworfen (etwa in der Gentechnik), sie sind nicht mehr frei, ähnlich wie Marionetten.

Wo kann es noch Auswege in die Freiheit geben?

Hier verfällt Ellul nicht in Fatalismus, dem noch de La Boétie nachgegeben hatte. In seinem Büchlein „Von der Revolution zur Revolte“ („De la révolution aux révoltes“) von 1972, in welchem schon erste Erfahrungen mit den 68iger Mai-Unruhen einfließen, weist er nach, dass nicht so sehr Revolutionen, sondern eher Revolten die „Verwerfungen“ der Zukunft ausmachen werden (wer dächte da nicht an die Gelbwesten 2018/19?).

Revolutionen stehen in technisierten Gesellschaften in der Gefahr zur Illusion zu werden. Da in ihnen ein enorm hoher Konformitätsdruck herrscht, ist niemand wirklich derart ausgegrenzt, dass er, dem Proletariat im marxschen Sinne gleich, nichts mehr zu verlieren hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Selbst das bescheidenste Glück ist ein wirkungsvolles Hemmnis, sich mit Haut und Haaren einer Revolution zu verschreiben. Jeder hat etwas zu verlieren, da (fast) jeder in dieses System eingegliedert ist, dem er ja auch Vorteile entnimmt. Ironischerweise hat gerade die späte Sowjetunion dies begriffen und auf die Propagierung der Weltrevolution zugunsten eines aufreibenden Systemwettbewerbs verzichtet.

In weiteren Exkursen, etwa zu Maos Kulturrevolution, zu Hitler und Castro oder allgemein zu Revolutionshoffnungen linker Träumer in Bewegungen aus der Dritten Welt (sie enden fast immer in blutigen Archaismen), räumt Jacques Ellul mit dem Mythos Revolution radikal auf. Die einzige Weltrevolution ist „nur“ noch die der technologischen Entwicklung. Mit ihr einher geht die Gewissheit rationaler Problemlösung, welche revolutionäre Leidenschaften in eine vor-technische Zeit verbannen.

Dem Menschen, der sich in diesem Strudel befindet, kommt immer mehr seine Natur, seine „Eigentlichkeit“ abhanden. Die Technik kann die in ihm seit Urzeiten wesenden Grundprobleme nicht beantworten. Wie Magma aus einem erloschen geglaubten Vulkan arbeitet sich aus diesen vor-industriellen, archetypischen Untiefen die Revolte empor. Sie ist die elementare Kraft des Instinktiven , die weder einen Glauben, noch eine Ideologie, geschweige denn ein Parteiprogramm braucht. Es bricht einfach aus und man versteht nichts mehr („On n’y comprend rien, cela éclate!“). Die durchtechnisierte Gesellschaft wird immer von diesen Revolten belagert sein, so Elluls Überzeugung. Denjenigen, welche, Propheten ähnlich, auf solcherart Revolten hinweisen, welche auf sie hoffen oder vor ihnen warnen oder auch für sie arbeiten, wird ein größerer Mut und werden höhere Motive abverlangt werden, als in früheren Zeiten. Auch da ist der Autor ohne Illusionen. Denn es wird darum gehen, im Namen der menschlichen Natur, seiner letzten Autonomie (für Ellul gehört hierhin auch der Tod), einen „Gesellschaftsvertrag“ aufzukündigen, der von den allermeisten als alternativlos erfahren wird. Und an dieser Stelle berühren sich Etienne de La Boétie und Jacques Ellul wieder. Das zu überwindende Paradox lautet: Der Mensch, der moderne voran, will eigentlich keine Freiheit, obwohl er alle „Freiheiten“ hat. Denn Freiheit überfordert ihn.

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