Das Prinzip der Unfreiheit (I): Etienne de La Boétie

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Beobachtungen bei Etienne de La Boétie und Jacques Ellul

Heinrich von Kleist soll beim Anblick eines Marionettentheaters die Marionette zum freiesten Wesen der Erde erkoren haben, da sie kein Bewusstsein von den Fäden hätte, an denen sie hängt. Wer hat sich selbst nicht schon einmal als Marionette gefühlt, dabei aber keine Freiheitserfahrung gemacht? Die Ketten von einst sind zu Fäden geworden, die zu Tausenden, kaum merklich, gesponnen und an uns angebracht wurden. Diskret aber beharrlich erinnern sie uns nur ab und zu an ihre Existenz. Sie drücken nicht, sie schneiden nicht ins Fleisch und hemmen kaum die gewohnten Bewegungen. Sie schränken nur dann ein, wenn man nicht immer nur dieselben Bewegungsschablonen in seinem Leben nachbilden will. Auf einmal wird man gewahr, dass alles „am seidenen Faden“ hängt, man selbst zuerst.

Das Menscheitsthema der Freiheit ist in Zeiten von Nudging, Dressur und Selbstdressur, von Manipulationen aller Art, Drohkulissen sowie verfeinerten Kontrollmechanismen bis hinein in die Gefühlsfreiheit wieder akut geworden. Wie sehr und wie leicht Freiheit gefährdet werden kann und bis zu welchem Grad der Mensch selber dabei mitwirkt, ist sehr früh schon erkannt worden. Ein junger Ratsherr aus Südfrankreich hat im 16. Jahrhundert eine Schrift verfasst, die Einsichten in humanistischer Manier ausdrücken, die ihrer Zeit weit voraus waren. Etienne der La Boéties „Rede über die freiwillige Knechtschaft“ (Discours de la servitude volontaire) gehört zu den Klassikern freiheitlichen Denkens und frühpsychologischer Analyse. In Raubkopien unter hugenottischen Fanatikern zirkulierend, immer wieder als Appell zum Tyrannenmord missverstanden und den Revolutionär Marat zu einem frechen Plagiat verleitend, lohnt es sich heute, diesen Text wieder hervorzuholen.

Ähnlich erhellend wirkt, viele Epochen später, sein Landsmann (beide stammten aus der Gascogne in Südwestfrankreich) Jacques Ellul, der am Ausgang der 68iger Utopien und an der Schwelle zum digitalen Zeitalter vor neuen Unfreiheiten warnte. Beide weisen erstaunliche Parallelen auf. Sie stehen beide an Wende- bzw. an Endpunkten der Geschichte, beide haben einen unbestechlichen Blick, beide sind keine Visionäre sondern Durch-schauende, die aufrütteln und aufklären. Beide wirken auf ihre Art befreiend. Beide finden in tiefen Freundschaften ein alter ego und beide sind zu Lebzeiten kaum bekannt. Jacques Ellul, ein vom Marxismus geheilter, überzeugter wie undogmatischer Christ mit klarer Aussprache hat an die 40 Bücher geschrieben. Stellvertretend soll hier seine Schrift „Von der Revolution zur Revolte“ (De la révolution aux révoltes) vorgestellt und de La Boéties Rede an die Seite gestellt werden.

Die Schwäche der Instinkte: Das Schattenspiel der Tyrannei

Porträt von Etienne de La Boétie.

Um die Lehrrede über die freiwillige Knechtschaft ranken sich ebenso viele Legenden wie um ihren jungen Autor, beinahe so wie um Nostradamus und seine Verse (ein Zeitgenosse de La Boéties). Laut seinem Freund und Nachlassverwalter Michel de Montaigne, beide lernen sich 1557 im Regionalparlament von Bordeaux kennen, soll Etienne de La Boétie gerade einmal 16 oder 18 Jahre alt gewesen sein, als er sein Werk konzipierte. Zu seinen Lebzeiten wurde es nicht veröffentlicht und auch Montaigne scheute sich zunächst, es in Gänze in seine Essais aufzunehmen. 1563 stirbt Etienne de La Boétie gerade einmal 32jährig.

Um 1580 tauchen dann von irgendwoher Raubkopien unter dem Titel „Gegen den Einen“ (Contr’un) auf, die es in Auszügen bis hinauf in die rebellierenden Niederlande schaffen. Ein Originalmanuskript ist nicht überliefert. Manche hielten aufgrund solcher Ungereimtheiten sogar Michel de Montaigne selbst für den eigentlichen Urheber des Discours. Man fühlt sich in dieser Beziehung ein wenig an den ähnlich frühreifen Rimbaud erinnert, der seinen hassliebenden Freund Verlaine in seinen Bann gezogen und ihm zeitlebens Rätsel aufgegeben hatte.

Struktur, Rhythmus und Form des Discours lassen eine klassische Ausbildung anklingen, die der Verfasser genossen haben muss. Etienne de La Boétie, der 1530 in der Bischofsstadt Sarlat geboren wurde, brachte von Hause aus solch eine Erudition mit, mehr noch: Als Kind der Renaissance begeisterte er sich für die Vorbilder der Antike, schrieb Verse auf Latein und Griechisch und führt in seinem Text eine Phalanx an antiken Gewährsmännern für seine Ansicht von der selbstgewählten Knechtschaft ins Feld. Es findet sich kein einziger Bezug zur Bibel oder zur christlichen Tradition. Einzig Gott, mit dessen Anrufung der Discours endet, wird unbeschränkte Autorität zugebilligt.

Was irdische Tyrannei bedeutet, durfte de La Boétie in den Religionswirren seiner Zeit und seiner aquitanischen Heimat aus erster Hand erleben. Sein Professor Anne de Bourg wurde 1559 in Paris gehenkt, da er es gewagt hatte, die intolerante Politik König Heinrich II. den Hugenotten gegenüber anzuprangern. Die blutige Niederschlagung einer Bauernrevolte als Folge der königlichen Steuerpolitik rundete diese ersten Eindrücke von Gewaltherrschaft ab, der auch er unterworfen war. Als junger Gerichtsrat musste er dabei mithelfen, königliches Recht in der Region durchzusetzen. Er war ein lokales Rädchen in der Mechanik der Gewaltherrschaft – ein Gewissenskonflikt, dem der Discours entsprang.

Aber gründet die Existenz von Herrschaft wirklich nur auf der nackten Gewalt? In vielen Fällen steht tatsächlich die Gewalt am Beginn, muss doch die Elite an mutigen und mündigen Bürgern zunächst entfernt werden. Das Schicksal Catos des Jüngeren in der untergehenden römischen Republik wird rühmend erwähnt. Doch bleibt es nicht dabei. Etienne de La Boétie beobachtet die Menschen seiner Umgebung sehr genau und findet in den Überlieferungen der griechisch-römischen Antike Blaupausen für gewisse Verhaltensweisen unter einer Diktatur, die offenbar tief in die Triebstruktur des Menschen hinabreichen. Der Mensch ist nicht nur fähig, seine Freiheit zu verlieren, er ist auch fähig, sie zu verleugnen und zu vergessen!

Wie das sein kann, ist eine der Fragen, der de La Boétie nachgeht, die andere, die eigentlich vorangeht, lautet: Warum gelangt ein Einzelner oder gelangen einige wenige zu solcher Macht über so viele? Absolute Macht ist unter Menschen nicht naturgegeben, so eine der wenigen optimistischen Aussagen des Textes. Macht muss geschmiedet, muss aufgebaut, muss beworben und verabreicht werden, soll sie dauerhaft Wurzeln schlagen. Dabei ist es ganz gleich, auf welchem Weg der Tyrann an die Ausübung von Macht gelangt, durch Eroberung, durch Erbschaft oder durch Wahl. Was dann beginnt, kann auf vielfältige Art ablaufen, hat aber immer den einen Zweck: den Menschen von seiner naturgegebenen Freiheit zu entfremden, ihn zum Untertanen zu degradieren sowie zum willigen Komplizen seiner eigenen Verknechtung zu pervertieren.

Es gilt das Paradox: Einschlummern soll er unter seinem Joch („endormir leurs sujets sous le joug“). Denn eines steht für de La Boétie fest: Einmal auferlegte Knechtschaft vererbt sich, wird zur Gewohnheit, legitimiert sich selbst. Mehrere Vehikel stehen dem Tyrannen zur Verfügung und alle wurden schon in der Antike ausprobiert. Als Paradebeispiel gilt ihm der Perserkönig Kyros, der das kleinasiatische Lydien eroberte. In der Stadt Sardes lässt er keineswegs eine mächtige Garnison zurück, vielmehr eröffnet er Bordelle, Tavernen und lässt Wettkämpfe ausrichten. Etienne de La Boétie unterlässt es nicht, darauf hinzuweisen, dass das lateinische Wort für Spiel ludus von den unterworfenen Lydiern herrührt. Das Ausnutzen von Schwächen und Lastern zum Abbau von Spannung und Energie, ihre Legitimierung als zulässiger Zeitvertreib, der friedlich stimmen soll, kurzum: die Brot-und-Spiele-Methode gehört auf die Palette des Profits, den Tyrannei manchen einbringt. Neben oder besser unter dem Tyrannen haben sich nämlich eine ganze Reihe kleinerer Tyrannen platziert („les tyranneaux“), die jeder ein Zipfel der Tyrannenmacht verwalten. Sie sind Teilhaber der Macht, die mit nichts Probleme haben und sich mit allem arrangieren. Doch befinden sie sich in steter Gefahr, da in diesem Fall die Höhle des Löwen keineswegs sicher ist. Tyrannen lieben nicht und werden nicht geliebt. Sie zwingen zur Heuchelei, zur Maskerade und zu beständigem Misstrauen, welches den Charakter eines Menschen zersetzt und seine Psyche beschädigt. Erinnert sei nur an die stalinistischen Höfe im Machtbereich des Kommunismus. Obwohl Tyrannei Schutz verspricht, handelt es sich um eine geschickte Illusion, lebt sie doch von der beständigen Unsicherheit ihrer Nutznießer („Combien il y a peu d’assurance en la faveur d’un mauvais maître“). Senecas Schicksal am Hofe Neros illustriert diesen Zusammenhang. Angst macht noch willfähriger als die Erlangung von Vorteilen.

Will der Tyrann jedoch auch die Herzen der Untertanen besitzen, ist eine positive Konnotation mit seinem Namen unerlässlich. De La Boétie beschreibt in seinen Worten, lange vor Max Weber, die Mechanismen der charismatischen Herrschaft. Anhand von Beispielen ägyptischer Pharaonen oder assyrischer Könige erläutert er den religiösen Kult, der um die Macht getrieben wird. Hier begegnet uns ein Vorläufer der Propaganda: der Tyrann als Ausnahmeerscheinung, als göttlich inspirierter oder zumindest beauftragter Übermensch. Es ist in Etiennes Augen der Aberglaube des Volkes, der sich solch einen Götzen zimmert:

„das törichte Volk schafft sich selbst die Lügen, die es dann glaubt“

In diesem Zusammenhang sei auf das sogenannte „Königsheil“ verwiesen, das seit der Merowingerzeit besonders den französischen Königen nachgesagt wurde.

Bei alledem hegt Etienne de La Boétie wenig Hoffnung in ein Aufbegehren der Unterworfenen, Korrumpierten und Betäubten. Er geht nicht davon aus, dass seine Rede beim Volk (von dem er keine allzu hohe Meinung hat) jemals gehört werden wird. Von dialektischen Verhältnissen, wie sie Hegel beschreibt, ahnt er noch nichts. Doch ist er keineswegs ein Zyniker wie Machiavelli, der in seinem Principe ähnliches ganz aus der Herrscherperspektive beschrieben hatte, eher ein ernüchterter, früh vollendeter Stoiker, der um die Grenzen des Menschen weiß, der die Natur des Menschen durchschaut hat. Daher sein Appell an Gott zum Abschluss des Discours. Nur ihm traut er zu, alle Tyrannen ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Das ist sein brennendster Wunsch!

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