Das Gesicht eines neuen Europas – Ein Besuch beim ersten Jungeuropa Forum

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Grundsatzdiskussionen führen im seltensten Fall dazu, eine konkrete Programmatik auszuarbeiten. Sie helfen allerdings dabei, eine Standortbestimmung vorzunehmen, von der aus Überlegungen für eine solche Programmatik möglich sind. Daher sind sie unverzichtbarer Bestandteil und zugleich Kern jeder (meta-)politischen Arbeit, denn die Vision muss den Horizont für das konkret Machbare vorgeben.

Der Rahmen für eine solche Grundsatzdiskussion wurde am vergangen Wochenende vom Jungeuropa Verlag in Dresden geboten. Unter den drei Leitthemen „Europa. Jugend. Staat.“ versammelten sich sowohl deutsche als auch internationale Referenten um den Verlagsleiter Philip Stein zum ersten Jungeuropa Forum. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand dabei die Frage nach einer paneuropäischen Zukunftsvision, die zusammen mit den Referenten und rund 30 ausgewählten Teilnehmern kontrovers diskutiert wurde. Es waren drei fruchtbare Tage mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und persönlichen Gesprächen.

In seiner Eröffnungsrede steckte Philip Stein den geistigen Rahmen der Veranstaltung ab und betonte die Notwendigkeit, eine Synthese verschiedener politischer und intellektueller Positionen zu bilden, um veraltete und abgenutzte Konzepte aufzubrechen. Die Idee von einem jungen Europa müsse zukunftsfähig gemacht werden, so Stein, und zugleich Ausgangspunkt jeder rechten, dissidenten Position werden. Das Überschreiten von klassischen linken und rechten Standpunkten sei in diesem Denkprozess unabdingbar, wenn die Theoriearbeit in kleinen Kreisen, eine „intellektuelle Erneuerung“ des großen Ganzen vorbereiten soll. Es gelte, die Utopie zu wagen anstatt das konservative Minimum zu kultivieren.

Verlagsleiter Philip Stein/jungeuropa.de

Dass sich die zeitgenössische politische Lage besonders dadurch kennzeichne, dass sie gesellschaftliche Probleme nur auf einer oberflächlichen Ebene diskutiere, sei ein Problem, das behoben werden müsse. Es gehe nicht darum, die Symptome zu bekämpfen, denn die bestehende Gesellschaft könne sich unmöglich durch sich selbst überwinden, sondern nur durch eine konservativ-revolutionäre Theorie, die als Richter über dem politischen Handeln stehe. Dass es sich dabei jedoch nicht um ein dogmatisches, starres Theoriegerüst handeln kann, ist eine Gemeinsamkeit, die alle Teilnehmer und Referenten vereint. Ein neues Europa müsse das Notwendige mit dem Grundsätzlichen vereinen.

Um eine Vision für ein neues Europa zu schaffen, ist es allerdings dringend notwendig, dem nationalen Chauvinismus eine klare Absage zu erteilen. Auf den ersten Blick scheint diese Position ein Allgemeinplatz zu sein, der schon lange ein Grundpfeiler politischen Denkens sein sollte. Bei genauerer Betrachtung europäischer Mikronationalismen offenbart sich jedoch eine Renaissance dieser Denkweise, sowohl innerhalb der parlamentarischen als auch in der außerparlamentarischen Rechten – wie Benedikt Kaiser nachzuweisen verstand.

Zugleich müsse sich für ein neues Europa aber auch eine neue Generation von Europäern und einer weitestgehend (pan-)europäischen Kultur herausbilden, die Träger einer Vision sein könnten. Es gelte, mehr zu bieten als eine rudimentäre rechtspopulistische Anti-EU-Polemik. Aus einer gemeinsamen, europäischen Vision und Kultur, könne sich auch eine neue innereuropäische Solidarität herausbilden, die Grundprobleme der sozialen Frage überwinden kann, meinte Benedikt Kaiser und erfuhr in diesem Punkt größtmögliche Zustimmung. So sei die heute heranwachsende “Erasmus-Generation” die erste, die auch mit Hilfe der europäischen Integration erste Ansätze zu einem gesamteuropäischen Bewusstsein in sich trage.

Benedikt Kaiser/jungeuropa.de

Für einen paneuropäischen Neubeginn müsse also auch ein neues europäisches Bewusstsein initiiert werden, das sich nicht an reaktionären und chauvinistischen Standpunkten orientiere, sondern an der Änderbarkeit des großen Ganzen, das rückgebunden an eine kritische Lageanalyse sein muss. Es offenbarte sich in der Diskussion um die Kultur eines neuen Europa jedoch eine grundsätzliche Problematik: Wenn sich eine paneuropäische Idee an der europäischen Geistesgeschichte orientiert, steht sie vor der inhaltlichen Herausforderung und Kernproblematik, das jene genau die Elemente des modernen Hyperindividualismus, der Globalisierung oder auch die Grundlage eines technischen Menschenbildes hervorgebracht hat, das es für eine gemeinsame, europäische Idee zu überwinden gilt. Umso notwendiger ist es also, neue Bezugspunkte zu schaffen.

Till-Lucas Wessels und Philip Stein/jungeuropa.de

Neben der Frage nach einer kulturellen und ideellen Vision eines neuen Europas stand die Frage nach einer möglichen staatlichen Struktur im Zentrum der Überlegungen, die mit der obigen stark korreliert. Was besonders deutlich herausgestellt wurde war, dass ein europäisches Gesamtkonzept im radikalen Gegensatz zu dem der Europäischen Union stehen muss. Till-Lucas Wessels präsentierte in diesem Zusammenhang einen europäischen Reichsgedanken, der sich im Kern an einer europäischen Wertegemeinschaft orientiert. Zu betonen gilt, dass sich ein solches Konzept eben nicht durch die Vorherrschaft eines Nationalstaates auf die übrigen kennzeichnet. Der Ansatz versteht sich selbst als ein progressiver, da er eine nachhaltige und genuine Überwindung der europäischen Nationalstaaten impliziert. Die Schaffung einer neuen kulturellen und spirituellen Grundlage für ein Paneuropa ist in dieser Überlegung ebenso Grundvoraussetzung. In der Diskussion stand aber vor allem die Frage im Mittelpunkt, was denn der gemeinsame Anknüpfungspunkt dieses neuen Europas sein könnte. Die soziale Frage beispielsweise sei im Norden Europas deutlich weniger präsent als beispielsweise im Südosten.

Selbstverständlich kam auch die ökonomische Frage an diesem Wochenende nicht zu kurz. Der italienische Referent Valerio Benedetti stellte den Korporatismus als eine historische, aber mögliche Alternative zum zeitgenössischen Wirtschaftsliberalismus vor. Nach dem Vortrag musste er sich allerdings die Frage gefallen lassen, wie die supranationalen Konzerne, die, wie beispielsweise Google, direkt auf das alltägliche und private Leben der Menschen zugreifen, durch staatliche Institutionen gemaßregelt werden könnten. Um das weltumspannende Machtgefüge der global player einzudämmen sei es deshalb notwendiger denn je, eine starke paneuropäische Staatsvision auf den Weg zu bringen.

Valerio Benedetti/jungeuropa.de

Weitere internationale Referenten rundeten das Programm ab, indem sie Einblicke in die jeweilige Situation und Position ihrer Länder gaben. Daraus ergab sich besonders in den zwei Podiumsdiskussionen, die die Themenblöcke Staat und Jugend abschlossen, eine lebendige und interessante Diskussion, die in privaten Gesprächen bis tief in die Nacht weitergeführt wurde.

Das Wochenende hat gezeigt: Kritik ist noch immer eine Waffe. Eine kritische Lageanalyse ist notwendig, um auf die Punkte aufmerksam zu machen, die für die Gestaltung einer europäischen Zukunft elementar sind. Zugleich wurde klar: Ein neues europäisches Selbstverständnis ist die Voraussetzung, um eine geeinte Idee vertreten zu können. Das Bewusstsein für eine europäische Kultur und der innere spirituelle Zusammenhang der verschiedenen Völker ist grundlegend. Dieses Identitätsproblem korreliert nämlich zugleich auch mit der sozialen Frage, die gesamteuropäisch ohne ein Gemeinschaftsverständnis nicht zu lösen ist. Ein neues, europäische Bewusstsein beginnt mit unserer Generation!

1 KOMMENTAR

  1. Es wäre interessant, wie sich die französische Neue Rechte zu einer Überwindung des nationalstaatlichen Chauvinismus und des Nationalstaates stellen würde.

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