Brasilien und Bolsonaro: Auf der Suche nach einem Mythos

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Am 1. Januar 2019 hat Jair Bolsonaro sein Amt als Präsident Brasiliens angetreten. Der allgemeine Tenor der Medien hierzulande sowie international war einhellig: Wir haben es mit einem „Trump der Tropen“ zu tun. Bolsonaro wurde also mit den bekannten Diffamierungen der Medien behandelt. Ein Versuch, das so widersprüchliche Land Brasilien zu verstehen, blieb aus.

Wie lässt sich die heutige Lage Brasiliens erklären? In den folgenden Zeilen soll dieser Frage nachgegangen und ein kleiner Einblick auf den südamerikanischen Riesen gewagt werden.

Wenn man an Brasilien denkt, kommen den meisten sofort ein paar Assoziationen wie Fußball, Rio, Samba und auf negativer Seite Favela oder Korruption in den Sinn. Die interessante Geschichte und Kultur, die sich aufgrund des  einmaligen Charakters des Landes von anderen Staaten des amerikanischen Kontinents deutlich unterscheiden, sind in Europa meist weniger bekannt.

Die brasilianische Geschichtsschreibung beginnt im Jahr 1500, als Pedro Álvares Cabral das Land des heiligen Kreuzes („Terra de Santa Cruz“) für die portugiesische Krone in Anspruch nahm. Laut der Bestimmung des Vertrags von Tordesillas im Jahr 1494, der die gesamte Welt zwischen den beiden Seemächten Spanien und Portugal aufteilte, lag das neu entdeckte Land – soweit man es erahnen konnte – noch auf portugiesischer Seite.

Doch anstatt mit einer umfangreichen Kolonialisierung zu beginnen, passierte die ersten Jahrzehnte fast nichts. Das Hauptaugenmerk der kleinen Seefahrernation lag auf dem Ausbau eines gewaltigen Handelsnetzwerkes nach Indien und China. Erst mit der Zeit rückte Brasilien in den Fokus der Kolonialisten. So entstand dann auch der heutige Name des Landes, der sich vom ersten Exportprodukt, dem rötlichen Brasilholz, ableitet.

Als sich vor allem die Niederlande und Frankreich für die junge und schwachbesiedelte Kolonie zu interessieren begannen, entschied der portugiesische König,  Lehensgebiete an einfache Adelige in der Neuen Welt zu vergeben und erlaubte dem Jesuitenorden die Missionierung. Für die indigenen Völker Brasiliens war die Ankunft der Europäer tragischerweise der Anfang vom Ende. Neben den bekannten Gründen wie den zahlreichen Epidemien und den Folgen der Sklaverei, kennzeichnete die Kolonialgesellschaft aber eine fundamentale Vermischung der Kulturen aus. Diese lässt sich dadurch kennzeichnen, dass z.B. bis tief in das 17. Jahrhundert hinein in São Paulo und Amazonien nicht etwa portugiesisch, sondern eine von den Jesuiten standardisierte Allgemeinsprache gesprochen wurde, die einer indigenen Hauptsprache entstammte. Unter den sogenannten Bandeirantes, dem Äquivalent zu den Konquistadoren in Hispanoamerika, die das Land ausdehnten, eroberten und auf der Suche nach Sklaven oft sogar Missionsdörfer zerstörten, befanden sich zudem viele Mestizen oder mit den Portugiesen verbündete Indianerstämme. Ende des 16. Jahrhunderts wurden verstärkt afrikanische Sklaven nach Brasilien verfrachtet, um diese auf den lukrativen Zuckerrohrplantagen arbeiten zu lassen, womit das dritte Merkmal der brasilianischen Gesellschaft immer präsenter wurde.

Die restliche Kolonialzeit verlief einigermaßen ruhig, was auch daran lag, dass Portugal seine Kolonie zu unterdrücken wusste, indem es die lokale Elite im Mutterland erziehen ließ. Im Unterschied zu Spanisch-Amerika waren weder Universitäten noch Druckpressen erlaubt. All das verhinderte das Aufkommen eines nationalen Selbstbewusstseins mit einhergehenden Unabhängigkeitsbestrebungen. Dies wäre wahrscheinlich auch noch länger so geblieben, wenn nicht ein Mann namens Napoleon Bonaparte auf die Weltbühne getreten wäre. Um der Gefangenschaft Naopoleons zu entgehen, floh nämlich die portugiesische Königsfamilie 1807 mit ihrem gesamten Hofstaat nach Rio de Janeiro.

Brasilien wurde somit zum Zentrum des portugiesischen Reiches und entfaltete auch ein paar Jahre später seine kulturellen Blüte. Nachdem König João VI. nach Portugal zurückgekehrt war, machte sein Sohn Pedro I. im Jahr 1822 Brasilien auf fast unblutige Weise – damit abermals im Kontrast zum Rest des Kontinentes – unabhängig. Die einzige Monarchie Amerikas und von nun an als Kaiserreich Brasilien bekannt, erlebte unter Pedro II. eine Periode der Kontinuität und Stabilität. Durch das verstärkte Aufkommen der sozialen Frage sollte sich dies jedoch ändern.

Nachdem Kaiser Pedro II. im Jahr 1889 die Sklaverei abgeschafft hatte, verlor er die Zustimmung der Wirtschaftselite. Er wurde noch im selben Jahr abgesetzt und eine vom Militär und eben jenen Elite kontrollierte Republik wurde ausgerufen. Die positivistisch inspirierte Republik hatte sich wortwörtlich „Ordnung und Fortschritt“ auf die neue Fahne geschrieben. Während auf der einen Seite wirtschaftliches Wachstum durch eine massive Einwanderungspolitik befördert wurde, zerfiel die staatliche und soziale Ordnung  mehr und mehr.  Soziale, regionale und ideologische Unterschiede, die eine Reihe von Revolten im Nordosten und Süden des Landes hervorriefen, kamen nun zum Vorschein, wobei manchmal mit äußerster Brutalität gegen das eigene Volk vorgegangen wurde (der Krieg gegen Canudos sei hier als Beispiel erwähnt).

Diese republikanische Epoche wurde erst 1930 durch einen Politiker namens Getúlio Vargas beendet. Der nationalistische Staatsmann ist heute zwar aufgrund seiner autoritären Haltung umstritten, konnte das Land aber vor kommunistischen Revolutionären einerseits und der faschistischen Bewegung, der „integralistischen Aktion“, anderseits, schützen. Auf seine Regierungszeit geht auch viel für heute Selbstverständliches zurück: So wurde der Karneval mit seinen afrikanischen Elementen erst durch gezielte Förderung zu dem Volksfest gemacht, das es heute ist. Auch ein Feiertag zu Ehren der Indios geht auf Vargas zurück. Das Ziel war es, mit Hilfe der indigenen, afrikanischen und europäischen Elemente, eine einzigartige und identitätsstiftende Kultur zu schaffen.

In jüngster Zeit bestimmen hauptsächlich zwei geschichtliche Perioden die Situation von heute: Einerseits das Militärregime von 1964-1985 und andererseits die Wahlerfolge der linken Arbeiterpartei seit Beginn der Jahrtausendwende, wodruch klar die politische Zerrissenheit des Landes sichtbar wird. Während für eine Seite die Zeit der Militärs als Phase des Wohlstands und Sicherheit gilt und die Politik der letzten Jahre als katastrophal gebrandmarkt wurden, sieht die andere Seite das genaue Gegenteil.

Letztendlich war auch dieser gesellschafltiche Konflikt für den Wahlerfolg Bolsonaros verantwortlich. Außerdem erschüttert das Land seit Jahren ein unvergleichbarer Korruptionsskandal, der das Vertrauen in die politische Klasse zerstört hat. Die Kriminalität hat massiv zugenommen und fordert jedes Jahr das Leben zehntausender Brasilianer. Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stillstand, sowie allgemeine Mängel im Bereich von Gesundheit und Bildung prägen das Land heute. Nicht zuletzt diese Situation hat vor allem junge Brasilianer für den polternden Hardliner stimmen lassen.

Wenn seine Anhänger begeistert „Mito!“ (=Mythos) skandieren und man sich die Geschichte sowie Größe des Landes mit all seinen sozialen, ethnischen und regionalen Gegensätzen vor Augen hält, tritt noch etwas anderes zutage, nämlich die Sehnsucht nach einem verlorengegangenen (oder nie verspürten) Gemeinschaftsgefühl, wie es im Kaiserreich, unter Vargas und teilweise noch in der Militärdiktatur zu finden war.

Der Schriftsteller Stefan Zweig beschrieb 1941 in seinem Buch „Brasilien – ein Land der Zukunft“ ein romantisches und idealisiertes Bild und sagte Brasilien damals eine blühende Zukunft voraus. Bis jetzt hat sich seine Voraussage nicht bewahrheitet. Die Brasilianer sind noch immer auf der Suche nach ihrer Identität und innerem Zusammenhalt. Man kann ihnen hierbei und mit ihrem neuen Präsidenten nur das Beste wünschen.

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