A Nation Once Again – Bobby Sands

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Für die britische Regierung um die “eiserne Lady” Margaret Thatcher war er ein Terrorist. Seine eigenen Leute hingegen sahen in ihm einen Märtyrer, der bereit war, für die Freiheit seines Volkes das eigene Leben zu geben. Wer war dieser Mann, der ein Drittel seiner Lebenszeit im Gefängnis verbrachte und im Alter von nur 27 Jahren an den Folgen eines Hungerstreiks starb?

In der Rubrik “Ideale und Ikonen” stellen wir in regelmäßigen Abständen Persönlichkeiten vor, die sich Zeit ihres Wirkens durch Mut, Tapferkeit, Idealismus sowie bedingungslose Aufopferungsbereitschaft ausgezeichnet haben. Im Mittelpunkt stehen Idee & Tat, denn dort, wo andere wankten, legten widerständige Naturen die Saat für Mythen und Legenden, die alle Zeiten überdauern. Diesmal: Bobby Sands.

Anmerkung des Verfassers: Es soll hier keineswegs darum gehen, Gewalttaten zu glorifizieren oder zu verharmlosen. Im Nordirland-Konflikt, dessen Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen, verschwimmt religiöser Fanatismus mit nationalen und ökonomischen Beweggründen. Dieses Pulverfass sowie der ständige Kreislauf von Aktion und Reaktion fügte beiden Konfliktparteien unsägliches Leid zu und steht beispielhaft für eines ebenjener Kapitel, dessen Fortsetzung man für die Zukunft unbedingt verhindert wissen will.

„Tiocfaidh ár lá – Unser Tag wird kommen!”

In einfache Verhältnisse hineingeboren verbrachte Bobby Sands seine Kindheit in einem konfessionell gemischten Viertel. Im örtlichen Fußballverein der Stadt Rathcoole spielten damals sowohl katholische als auch protestantische Kinder zusammen. Jedoch kippte die Stimmung einige Jahre später rasch, als von Protestanten angefachte Konflikte das Zusammenleben zunehmend belasteten und letztendlich unmöglich machten. Nach einem Umzug begann Bobby eine Ausbildung und war als einziger Katholik in der Werkstatt ständigen Diffamierungen ausgesetzt, die nach einiger Zeit in Todesdrohungen gipfelten. Für ihn war klar: Gewalt erzeugt Gegengewalt – die Zeit des Redens ist vorbei. Sein Zorn trieb ihn schnell in radikale und militante Kreise, weshalb er keine andere Wahl sah, als sich der Irish Republican Army (IRA) anzuschließen.

Ich finde es verwirrend, mich sagen zu hören, dass ich eher sterben werde als mich ihrer qualvollen Unterdrückung zu fügen […]. Und wieder dachte ich an die toten Kameraden […]. Männer und Frauen wie ich, geboren und aufgewachsen in den nationalistischen Ghettos von Belfast, um von ausländischen Soldaten und protestantischen Gewalttätern umgebracht zu werden.

Die Unruhen (im Englischen als „The Troubles“ bekannt) spitzten sich in den 1970er Jahren zu, wobei der 30. Januar 1972, der als „Bloody Sunday“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte und den den traurigen Höhepunkt der Entwicklungen darstellte. Bei einer Demonstration für Bürgerrechte in Derry kam es zu Ausschreitungen, in dessen Folge die britische Polizei 13 Menschen, darunter viele Minderjährige, erschoss. Daraufhin nahm der Teufelskreis aus Rache und Terror seinen mörderischen Lauf, und Sands wurde wegen illegalen Waffenbesitzes zunächst zu drei Jahren Haft verurteilt. Während dieser Zeit wuchs sein Tatendrang. Er war entschlossener denn je, nach seiner Entlassung alles dafür zu tun, um die Briten, die als feindliche Besatzungsmacht empfunden werden, ein für allemal von der Insel zu jagen. Ein halbes Jahr später saß er erneut ein, nachdem er mit anderen IRA-Mitgliedern einen Sprengstoffanschlag beging und auf der Flucht nach einem Schusswechsel mit der Polizei verhaftet wurde. Das Urteil: 14 Jahre Freiheitsstrafe. Die Vollzugsanstalt: Die berühmt-berüchtigten H-Blocks des Maze Prison. Der Gefängnisalltag, den Sands in seinem Buch „Ein Tag in meinem Leben“ schildert, ist von unmenschlicher Grausamkeit, Folter und Brutalität geprägt.

Das werde ich nie vergessen, sagte ich mir, und dachte an den Morgen, an dem ich wachgeworden war und meine Decken und meine Matratze als lebendige Masse weißer Maden vorgefunden hatte.“

Mit Hilfe einer Kugelschreibermine, die die Häftlinge untereinander austauschten, gelang es, kleine Textfetzen auf Zigarettenpapier niederzuschreiben. Diese, eingewickelt in Folie, wurden dann bei Besuchen mit Angehörigen durch Begrüßungsküsse hinausgeschmuggelt. Um die Langeweile erträglicher zu machen, lernten die Gefangenen jeden Tag Gälisch, indem ein als “Lehrer” ernannter Mitstreiter durch laut gerufene Worte und Sätze Lektionen erteilte. Die Ausnahmesituation schweißte die sich ohnehin schon als Schicksalgemeinschaft empfindende Gruppe weiter zusammen. Die Kenntnis ihrer urwüchsigen Muttersprache, die den Wärtern völlig fremd war, gereichte ihnen als zusätzliches Mittel des Ungehorsams.

Ich war stolz darauf, nicht nachzugeben, mich zur Wehr zu setzen. Draußen konnten sie uns nicht schlagen; in ihren Höllenlöchern quälen sie uns gnadenlos und können uns trotzdem nicht besiegen. Ich hatte Angst, aber ich wusste, dass ich niemals aufgeben würde.

Weil er und seine Kameraden nicht wie gewöhnliche Kriminelle, sondern wie politische bzw. Kriegsgefangene behandelt werden wollten, lehnten sie es ab, Häftlingskleidung zu tragen. Zunächst hüllten sie sich in Decken, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Als auch das nicht half, gingen sie einen Schritt weiter: Sie beschmierten die Wände ihrer Zellen mit ihren eigenen Exkrementen, auch, um den britischen Wärtern das Leben zur Hölle zu machen. Doch auch diese Maßnahmen liefen ins Leere und ließen die Regierung in London keinen Zentimeter von ihrem Standpunkt abrücken. Es kam, wie es kommen musste: Die Ultima Ratio des gestaffelten Hungerstreiks, initiiert und angeführt von Bobby Sands.

Die ekelerregenden Umstände werden vom Erzbischof von Armagh, Tomas O’Fiaich, der als Mittler fungieren sollte, wie folgt beschrieben:

“One would hardly allow an animal to remain in such conditions let alone a human being. The nearest approach […] was the spectacle of hundreds of homeless people living in sewer pipes in the slums of Calcutta. The stench and filth in some of the cells, with remains of rotten food and human excreta scattered around the walls, was almost unbearable. In two of them I was unable to speak for fear of vomiting.”[1] 

Am 5. Mai 1981 endete das Märtyrium des Bobby Sands, der am Ende nur noch 34 Kilogramm wog. Er starb als erster der Hungerstreikenden, neun weitere IRA-Kämpfer sollten ihm folgen. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich rasch, weshalb es zu spontanen Kundgebungen und Ausschreitungen kam. Auf seinem letzten irdischen Weg wurde er von 100.000 Menschen begleitet.

Sands, der willens war, seine eigenen Befindlichkeiten für seine Ideale hinten anzustellen, wird im kollektiven Gedächtnis des irischen Volkes auf ewig einen Platz haben.

 

Weiterführende Literatur und Links:

[1] Zitiert nach Johannes Kandel, Der Nordirland-Konflikt. Von seinen historischen Wurzeln bis zur Gegenwart, Dietz-Verlag Bonn, 1. Auflage 2005, S. 236.

Bobby Sands – Ein Tag in meinem Leben, Unrast Verlag Münster, 3. Auflage 2016.

Empfehlenswerte Dokumentation über Bobby Sands von arte (2016): https://www.youtube.com/watch?v=cs-21go6QNA