Bewusstseinswandel gestern und heute – Ein Gang durch die Kulturgeschichte (1)

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In seinen „Thesen über Feuerbach“ fordert Karl Marx dazu auf, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Linkes Denken geht mit Marx nicht vom Bestehenden aus, sondern von der Utopie. Die bestehende Gesellschaft ist nur die unvollkommene Vorstufe der klassenlosen Gesellschaft und deshalb verachtenswert – auch oder gerade dort, wo sie funktioniert und den Menschen (wenigstens vorübergehend) Befriedigung, Glück und Trost verschafft.

Konservativsein heißt demgegenüber mit Gottfried Benn „von Beständen ausgehen, nicht von Parolen“. Der Konservative wird sich sinnvollen Änderungen in der Regel nicht verschließen, er ist aber der Ansicht, dass nicht das Bestehende der Rechtfertigung bedarf, sondern das Neue. In jedem Fall wird der Konservative Sozialexperimente zurückweisen, die wegen einer ungewissen Zukunft wertvolle Bestände aufs Spiel setzen.

Aber Konservative sind nicht erst seit Marx in der Defensive. Spätestens mit dem Beginn der Moderne im 15. Jahrhundert gerät das Beharrende, Beharrliche immer mehr unter Rechtfertigungsdruck. Es muss sein Recht, zu sein und so zu sein, wie es ist, erst ausweisen. Denn Moderne ist wesentlich Prozess – der Prozess obsessiver Modernisierung. Im Kommunistischen Manifest schreiben Marx und Engels über die Epoche der Revolutionen:

„Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht“.

Diese obsessive Modernisierung ist der Grund dafür, dass noch jede Zeit, die sich als „modern“ verstand, schon wenig später dem Modern verfiel und nach dem „Ewiggestrigen“ zu müffeln begann: Der Prozess der Modernisierung ist über sie und ihre Bestände hinweggegangen und, wie man mit Rilke (erste Duineser Elegie) sagen kann, „Bleiben ist nirgends“.

Selbst die Moderne ist nur zu verstehen als Endprodukt einer langen Entwicklung, die, wie ich zeigen werde, über drei Schwellen hinweggeschritten ist: zuerst über die Schwelle der Menschwerdung des Tieres, dann über die Schwelle der „Achsenzeit“, und schließlich über die Schwelle zur Moderne. Im Laufe dieser Entwicklung verkleinerte sich die Masse des Notwendigen im Bewusstsein zugunsten einer immer größeren Masse an Kontingentem, das heißt bloß Zufälligem, Veränderbarem. Je größer diese Masse wurde, desto stärker wurde der Rechtfertigungsdruck auf das Bestehende. Denn nur das als notwendig Erkannte scheint das Anrecht zu haben, fraglos hingenommen zu werden, während das Kontingente oft geradezu nach seiner Veränderung schreit.

Die Menschwerdung

Der Schritt vom Tier zum Menschen ist der erste Schritt einer Zurückdrängung dessen, was im Bewusstsein der Lebewesen als unveränderlich angesehen wird. Über das Tier sagt Max Scheler in seinem Grundwerk der philosophischen Anthropologie, es lebe „ganz im Konkreten und in der Wirklichkeit.“ (Die Stellung des Menschen im Kosmos, S. 52) Dem Tier ist alles, wie es ist – fraglos, ohne jede Distanzierung. Zwar kennt das Tier bereits Bewusstsein als Differenz zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte – das beweisen etwa seine Erfahrungen des Schmerzes (der den Charakter des Nicht-sein-Sollenden hat) und des sexuellen Begehrens sowie sein Verlangen nach Nahrung. Doch bleibt dies alles in den engen Grenzen einer dumpfen, schlafähnlichen Bewusstheit.

Demgegenüber heißt Menschsein nach Scheler, der Wirklichkeit, in der das Tier noch fraglos zuhause ist, „ein kräftiges ‚Nein‘ entgegenschleudern.“ (Ebd.) Der Mensch ist somit für Scheler der „Neinsagenkönner“, der „ewige Protestant gegen alle bloße Wirklichkeit.“ (Ebd., S. 55) Dieselbe Tatsache erfasste Friedrich Nietzsche, wenn er vom Menschen als dem „nicht festgestellten Tier“, und Helmuth Plessner, wenn er von der „exzentrischen Positionalität“ des Menschen sprach.

Der Mensch weiß bereits in seinen ältesten Formen, dass alles auch anders sein könnte und entwickelt deshalb seine technischen Fähigkeiten. Er gestaltet die Welt um nach seinen Vorstellungen einer möglichen anderen, besseren Welt. In seinen Religionen entwickelt er Jenseitsvorstellungen und versucht das Schicksal zu beeinflussen durch Magie, Ritual und Gebet. Technik und Religion sind konstitutiv für den Menschen als „Neinsagenkönner“.

Die „Achsenzeit“

Mit der Menschwerdung ist die erste Schwelle überschritten. Die Kulturgeschichte nimmt ihren Lauf. Man kann sie als Prozess einer Zunahme des Kontingenzbewusstseins ansehen, oder, wie man auch formulieren kann, als Prozess der Aufklärung im weitesten Sinne. In diesem Prozess gewinnt das Mögliche immer mehr Gewicht gegenüber dem Wirklichen. Der Mensch stellt sich immer mehr außerhalb dessen, was ist, bewertet es von seinen Vorstellungen einer besseren Welt aus, stellt natürliche und gesellschaftliche Ordnungen in Frage, versucht sie zu reformieren oder sie umzustürzen und durch bessere zu ersetzen.

Der erste entscheidende Schritt in diesem Prozess findet in jener Zeit zwischen 800 und 300 v. Chr. statt, die Karl Jaspers in dem Buch Vom Ursprung und Ziel der Geschichte als „Achsenzeit der Weltgeschichte“ bezeichnet hat. In diesen Jahren entstehen in China der Konfuzianismus und der Taoismus, in Indien entsteht der Buddhismus, im Iran der Zoroastrismus; in Israel treten die Propheten auf und legen die Grundlage des Judentums, in Griechenland werden in Literatur und Philosophie die Grundlagen der europäischen Kultur gelegt.

Was diese kulturellen Revolutionen miteinander verbindet, ist die Entdeckung der Transzendenz. Die vorachsenzeitlichen Zivilisationen waren in der Immanenz zuhause – der Ägyptologe Jan Assmann spricht von einer „Weltbeheimatung“ dieser Zivilisationen. Demgegenüber zeichnen sich die Weltanschauungen und Zivilisationen, die durch die „achsenzeitliche“ Umwälzung hindurchgegangen sind, durch „Weltfremdheit“ aus. Sie setzen der Immanenz der Welt eine transzendente Wirklichkeit entgegen; so etwa in der Philosophie Platons eine nur geistig schaubare Welt der Ideen und im Monotheismus der Juden den transzendenten Gott Jahwe. In beiden Fällen ist ein entscheidender Schritt getan, um Gesellschafts- und Naturordnungen von einem transzendenten Blickpunkt aus in Frage stellen zu können und an ihrer Reformierung oder Ersetzung durch andere zu arbeiten.

Die Impulse aus griechischer Philosophie und Judentum sind entscheidend für die Geschichte Europas – hier bildet sich, wie man mit einer Formulierung Teilhard de Chardins sagen kann, die „Achse und Spitze“ des Prozesses der Aufklärung in dem oben dargelegten Sinn.

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