Augustus und die Konservative Revolution

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Im Kriegsjahr 1939 veröffentlichte der britische Althistoriker Sir Ronald Syme ein Buch mit dem Titel „The Roman Revolution“, ein Werk, das sich mit einem altbekannten Thema der Altertumswissenschaften beschäftigt, nämlich der Krise und dem Untergang der römischen Republik.

Neu an Symes Werk war damals jedoch die Art und Weise, wie er die Ereignisse rund um den Untergang der römischen Republik und die Einführung des römischen Kaisertums deutete, als „Römische Revolution“.

Die Rolle des „Revolutionärs“ kommt dabei dem ersten römischen Kaiser, namentlich Augustus, zu. Beeinflusst von dem antimonarchischen Historiker Tacitus, der als Vertreter der senatorischen Geschichtsschreibung gilt, erscheint Augustus bei Syme allerdings in eher düsteren Farben, als eine Art Ein-Mann-Armee, die in Rom im Alleingang die Monarchie einführt.

Das Werk hat seitdem viel Kritik geerntet und wurde als ahistorische Tendenzschrift gegen die Achsenmächte verbrämt. Im Zentrum der Kritik stand vor allem aber die unkritische Anwendung des modernen Revolutionsbegriffes auf die Verhältnisse des antiken Rom.

Der wohl eklatanteste Widerspruch war den Kritikern dabei aber entgangen, spätestens seit der Französischen Revolution steht am Anfang einer Revolution immer eine Monarchie mit einem König und am Ende immer eine Republik mit einem toten König.

Im alten Rom war es jedoch genau andersherum, hier stand eine Republik am Anfang und eine Monarchie am Ende.

Doch was für eine Art von Revolution soll das eigentlich gewesen sein, bei der am Ende nicht nur kein toter, sondern sogar ein neuer König stand?

Die Iden des März als Revolution?

Wendet man den gängigen Revolutionsbegriff auf die Geschichte der römischen Republik an, so fällt auf, dass dort kurz zuvor eine genau solche Revolution, bei der ein Königsmord am Ende stand, stattgefunden hatte: Der Königsmord nämlich, der als einer der bekanntesten der Geschichte gilt. Das Attentat auf Gaius Julius Caesar sollte in späteren Jahrhunderten als die „Iden des März“ in die Schulbücher eingehen.

Am 15. März 44 v. Chr. streckten die beiden Hauptverschwörer Brutus und Cassius zusammen mit bis zu 60 Mittätern Caesar mit 23 Messerstichen unter der Statue seines verstorbenen Erzfeindes Pompeius nieder.

Von einem republikanischen Ethos beseelt, wollten sie einen Monarchen stürzen, um die Republik wiederherzustellen. Von Caesar, dem ersten Kaiser überhaupt, leitet sich bis heute das deutsche Wort Kaiser ab.

Der Caesarmord.

Dieser hatte durch den puren Willen zur Macht, der in ihm den Weltgeist wirken sah, ex nihilo aus einer Republik eine Monarchie erschaffen. Dafür sollte er mit dem Leben bezahlen.

In späteren, weniger demokratisch und christlicheren Zeiten, die von der Legitimationsidee des Gottesgnadentums geprägt waren und in denen Königsmord, anders als in der heidnischen Antike, die den Tyrannenmord idealisierte, als Sakrileg galt, sollte Caesar genau deshalb als eine Art monarchistischer Märtyrer verehrt werden.

So rangierte Brutus, der sich damals selbst wahrscheinlich keinerlei Verrats bewusst war, bei Dante noch als Verräter im innersten Höllenkreis neben Judas.

Caesar hatte gestoßen, was ohnehin schon am Fallen war, und so einen brauchbaren Anfang gesetzt. Er musste sterben, damit Augustus und seine Nachfolger Kaiser sein konnten.

Die „Römische Revolution“ als Konterrevolution?

Da, wo Bilder verloren gehen, werden stets auch neue geschaffen werden müssen, merkte Ernst Jünger einst an, andernfalls drohe der Verlust.

Der Erfolg der Caesarmörder war jedoch nicht von Dauer. Sie hatten keine konkreten und zukunftsorientierten Pläne für die Zeit nach der Tat, sie hatten das Bild Caesars gestürzt, ohne eigene Bilder an seine Stelle setzen zu können. Das blasse Abbild der hehren Ideale einer einst noblen Republik reichte schon längst nicht mehr, um die wütenden Massen noch zu befriedigen, die sich jetzt um Caesars Scheiterhaufen scharten.

Vor allem aber hatten sie Marcus Antonius, Caesars rechte Hand und Mann fürs Grobe, vergessen. So war die Konterrevolution bereits nach wenigen Tagen in vollem Gange. Schon im April 44 v. Chr. mussten sich die Caesarmörder nach Syrien und in die damalige revolutionäre Hochburg Athen flüchten und wurden durch die Lex Pedia später einer nach dem anderen erledigt.

Auch Cicero, der noch versucht hatte, Antonius als neuen Caesar zu verhindern und dafür in seinen Philippischen Reden in einer Art und Weise gegen diesen agitierte, die er es sich bei Caesar selbst so wohl nie getraut hätte, bezahlte dabei mit seinem Leben.

Der entscheidende Aufsteiger dieser Geschichte war jedoch nicht Antonius, sondern Caesars Lieblingsgroßneffe und Adoptivsohn Octavian, der spätere Kaiser Augustus.

Er setzte den Caesarmördern 42 v. Chr. bei der Schlacht von Philippi, ebenso wie einige Jahre später auch seinem Konkurrenten Antonius bei der Schlacht von Actium in Griechenland ein Ende und beendete so den Bürgerkrieg und restaurierte zwar nicht offiziell, aber dafür diesmal dauerhafter Caesars Monarchie.

Doch sind die Iden des März überhaupt eine Revolution gewesen und war die Römische Revolution eine Konterrevolution?

Richten sich Revolutionen nicht für gewöhnlich gegen Traditionen? Welche Tradition konnte Caesars einjährige de facto Monarchie denn damals schon für sich beanspruchen, im Vergleich zur 500-jährigen Geschichte der Republik?

So wäre Caesars Monarchie wohl nur eine kurze Episode in der römischen Geschichte geblieben und Caesar selbst nur ein erfolgloser Usurpator, wären die Caesarmörder nicht gescheitert und hätte Augustus sie nicht institutionalisiert.

Die athenischen Tyrannentöter Harmodias und Aristogeiton, sie dienten den griechisch inspirierten Caesarmördern als Vorbild für ihre Tat.

Waren die Caesarmörder also nicht die wahren Konterrevolutionäre und konservativen Revolutionäre gegen den Traditionsbrecher Caesar gewesen und Augustus „Römische Revolution“ doch nur eine ganz gewöhnliche modernistische Revolution?

Dagegen spricht wohl primär das Handeln des Augustus nach der Machterlangung.

Augustus und die konservative Revolution

Zurück in Rom führte Augustus nämlich nicht etwa die Monarchie ein, wie man es vermuten und von einem anständigen ersten Kaiser erwarten würde, sondern stellte offiziell die Republik wieder her, die res publica restituta, wie er es nannte.

Damit versuchte Augustus eben jenes Traditionsargument, das in der stark vom mos maiorum (der Sitte der Vorväter) geprägten römischen Gesellschaft so wichtig war, zu umgehen und die verfeindeten Lager auszusöhnen.

Das Ganze hätte den toten Caesarmördern wohl wie die reinste Häme vorkommen müssen. Für was hatten sie gefochten und für was hatte er sie ermordet, wenn jetzt ohnehin die Republik wieder eingeführt werden sollte?

Sich selbst bezeichnete er fortan nicht etwa als Kaiser, sondern als Princeps, was so viel wie „erster Bürger“ bedeutete und regierte zusammen mit dem Senat in einer Art konstitutionellen oder auch verkappten Monarchie, womit Augustus wohl nicht nur als Erfinder der konservativen Revolution sondern auch als Erfinder des aufgeklärten Absolutismus lange vor Friedrich dem Großen gelten darf.

Doch was machte die „Römische Revolution“ des Augustus, neben der Scheinwiederherstellung einer Republik aus reinen Traditionsgründen jetzt zu einer konservativen Revolution?

Hier ließe sich vor allem Augustus weitere Politik, während seiner langen verbleibenden Amtszeit von fast 40 Jahren anführen. So verabschiedete er etwa die Lex Iulia et Papia in denen eine Ehepflicht für alle römischen Bürger im heiratsfähigen Alter bei Erbschaftsverlust als Sanktion und finanzielle Förderungen für Kinderreichtum verfügt wurden und betrieb so eine Art moderne Bevölkerungspolitik.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft auf einem Relief der augusteischen Ara Pacis

Frauen erhielten so zwar kein goldenes Mutterkreuz, wie etwa im heutigen Polen, konnten sich aber dank dieses sogenannten Dreikinderrechts dem ius trium liberorum ihre Unabhängigkeit von einer männlichen Vormundschaft durch „abkindern“ ab dem dritten Kind verdienen.

Im Unterschied zu heutigen Feministinnen, für die die Freiheit der Frau in erster Linie eine Freiheit vom Kind ist, war sie damals also wohl eher eine Freiheit durch Kinder, quasi Emanzipation als Bringschuld.

Damit versuchte Augustus der allgemeinen Degeneration entgegenzuwirken, die in Rom seit Längerem um sich gegriffen und damit wohl aber auch erst den Nährboden für die Krise der Republik und seinen eigenen Aufstieg aus dieser geschaffen hatte.

Das half zwar auf den ersten Blick nicht viel, so war die Dekadenz bereits nur einen Kaiser später unter Caligula und spätestens unter Nero in Rom wiedereingekehrt, hierfür liefert uns etwa das Satyricon des Petronius eindeutige Belege. Doch im Nachhinein hatte er Rom damit wahrscheinlich eine eindrucksvolle Gnadenfrist von fast 300 Jahren bis zur Reichskrise des 3. Jahrhunderts verschafft, bis zu der sich das von ihm begründete Prinzipat halten konnte und so eine neue Substanz, von der man lange Zeit zehren konnte, geschaffen.

„Die Römer der Verfallszeit“ von Thomas Couture, bei dieser Verfallszeit kann es sich wohl, anders als von Westerwelle behauptet höchstens um spätrepublikanische, nicht aber um „spätrömische Dekadenz“ gehandelt haben, denn in der Spätantike gab es sowieso nichts mehr zu verprassen.

Seitdem wurde Augustus immer wieder zurate gezogen, wenn es darum ging, Krisen zu überwinden oder aus diesen sogar noch gestärkt hervorzugehen.

So inspirierte Augustus „konservativer Revolution“ etwa den italienische Renaissance-Humanisten Niccolo Machiavelli zu seiner Schrift „Il Principe“.

In diesem Werk, dessen Titeloft fälschlicherweise mit „der Fürst“ oder sogar noch unsinniger mit „der Prinz“ übersetzt wird, obwohl die korrekte Übersetzung im antikisierenden Geist der Renaissance wohl eher „der Prinzeps“ lauten müsste, ruft Machiavelli zum Ende hin in einer Art „Sehnsucht nach dem starken Mann“ einen gewaltsamen Einiger Italiens an, einer Art Retterfigur, der die ausländischen Mächte vertreiben und das Land einigen soll.

Augustus kommt in diesem Werk die Rolle eines „Elefanten im Raum“ zu, so wird er mit keinem Satz namentlich erwähnt und doch kann der Titel verbunden mit dem Weckruf am Ende als deutliche Anspielung auf ihn verstanden werden.

Eine solche Figur, ein König von Italien neben dem Papst, der das Land zu ähnlicher territorialer Einigkeit wie in der Antike verhelfen sollte, erlebte Machiavelli zu seinen Lebzeiten in der Renaissance nicht mehr und doch sollte sie später in der Gestalt Garibaldis und noch später in der Mussolinis erscheinen.

So wurde Machiavelli im Nachhinein zum Propheten sowohl der nationalen Einigung Italiens, als auch des Faschismus.

Mussolini, in viel höherem Maße antikisierend als Hitler, hielt sich so auch selbst für eine Art neuen Augustus und ließ sogar dessen Mausoleum restaurieren.

Einer, dem ebenfalls auffiel, dass es sich bei Symes „Römischer Revolution“ genau genommen wohl um eine konservative Revolution gehandelt haben muss, war der deutsch-belgische Althistoriker David Engels.

Dieser versuchte in seinem 2013 erschienen Buch „Auf dem Weg ins Imperium. Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der Römischen Republik.“, mit dem im französischen Original wesentlich griffigeren Titel „Le déclin“, eben jene „Römische Revolution“, die aus der Krise der römischen Republik erwachsen war, für die Krisis der modernen Welt und die demografischen Probleme Europas fruchtbar zu machen.

Dabei entdeckte er erstaunliche Parallelen zwischen der Lage des spätrepublikanischen Roms und der der spätliberalistischen EU und prophezeite ihr den Aufstieg eines neuen „Cäsarismus“.

Literatur

Syme, Ronald (1939): The Roman revolution. Oxford: Clarendon Press.

Engels, David (2014): Auf dem Weg ins Imperium. Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der Römischen Republik ; historische Parallelen. Berlin: Europa-Verl.

Romieu, Auguste (1993): Der Cäsarismus. Wien: Karolinger

Bildquellen:

Iden des März

Tyrannenmörder

Ara Pacis

Die Römer der Verfallszeit

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