Archaische Betrachtungen: Das Vermächtnis

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Kein Gelehrter mag abschließend zu beantworten, wie lange es mich gibt. Vor 500.000 Jahren habe ich aber bereits meine Spuren in Europa hinterlassen. Ich war klar erkennbar, vorherrschend, unbestritten. Bald darauf trieb ich den Menschen dazu, seine Toten zu beerdigen.

Als das Eis stetig begann aus Europa zu verschwinden, konnte man mich nicht mehr sehen, da war ich doch noch immer. Bei Beerdigungen wurden mittlerweile teils üppige Grabbeigaben beigelegt.

Die Steinzeit war rau, doch mit mir war auch das kärgste Leben beseelt mit Musik, Tradition und Kult. Die Malereien von Lascaux entstanden. Trotz Kälte und Hunger forderte ich den Bau von heiligen Stätten. Stonehenge entstand. Ich wollte Größe, Dauer, Macht. Ötzi habe ich die Alpen erklimmen lassen; die Schnurkeramiker zu neuen Formen bewegt.

Zeit verging, und Metall wurde bezwingbar.
Bald folgten Stämme, Reiche, Kriege.
Siegfried ließ ich nicht schlafen. Mein Zorn war zu groß, meinem Drängen gab er nach. Rom wurde zurückgeschlagen.
Gut 400 Jahre später war es mein innigster Einsatz, der Alarich zum Einfall in ihre Feste bewegte.
Mein Drang nahm Gestalt an. Karl wurde Kaiser. Einer der Macht. Meine Spuren wurden vielgestaltiger. Mein Zutun ließ Otto das Reich gründen, Mönche jahrelang uralte Schriften kopieren, Kriegsherren keine Gnade kennen. Der Buchdruck – ohne mich undenkbar. Mit Luther habe ich das Abendland reformiert, mit Florian Geyer meinem Unmut Ausdruck verliehen. Vor dem geistigen Auge Michelangelos schuf ich Werke, prächtiger als ein Mensch zu glauben vermag. Millionen von Landsknechten gab ich in den folgenden Jahrhunderten die Gewissheit, für das Richtige zu kämpfen. Magdeburg musste brennen. Mein Zorn war gestillt, doch meine Kraft nicht versiegt. Mit Napoleon beherrschte ich beinahe ganz Europa, mit Lützows Jägern baute ich an Frankreichs Untergang.

Seit meinem Erscheinen habe ich Vieles geschaffen. Vieles zerstört. Meinen Namen kannte man lange Zeit nicht, aber mich spüren konnte man immer. Ich vermag es, dich ewig zu machen. Wenn du mich nur lässt.

Wissenschaftler finden mich heute in jedem Europäer. Zu deuten wissen sie mich nicht. Ich bin das Vermächtnis der Neandertaler in deiner DNA.

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