Das Anthropozän – Grenzen eines Begriffs

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Wir leben in einer Epoche, in der Einfluss und Prägung auf die Natur und Umwelt durch den Menschen nicht zu übersehen sind. Zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte ist dieser Prozess so weit fortgeschritten gewesen wie zum jetzigen Zeitpunkt. Die Menschheit greift aktiv in das Ökosystem ein und bildet somit den wichtigsten Einflussfaktor auf biologische und geologische Prozesse.

Wissenschaftler haben für diese Epoche den Begriff Anthropozän gewählt, der über die Grenzen der Laboratorien und Institute auch den Weg in die öffentliche Debatte gefunden hat. Die wissenschaftliche Analyse dieses Prozesses füllt seit einigen Jahren Regalwände an Literatur – die Formulierungen möglicher Antworten gehen jedoch kaum über Phrasen hinaus. Doch kann die Antwort auf das Anthropozän überhaupt eine wissenschaftliche sein? Muss die Antwort automatisch eine Wachstumsreduzierung als Zielsetzung beinhalten? Fängt die Änderung dieses Prozesses beim Konsumverzicht des Einzelnen an?

150.000 Jahre der Menschheitsgeschichte fanden dem geologischen Verständnis nach eingebettet in eine natürliche Umwelt statt. Der Einfluss des Menschen bedrohte das Ökosystem nicht existenziell und war dessen Gesetzen unterworfen. Eine durch die Industrialisierung in Gang gebrachte totale Mobilmachung aller Ressourcen sollte diesen Prozess allerdings jäh beenden: Kohle, Erdöl, Elektrizität und Maschinen nahmen eine unvorhersehbare Eigendynamik an. Eine Urbanisierung und darauffolgende Entstehung von sogenannten Mega-Cities sowie die Technisierung unseres Alltags nehmen die Welt in den Würgegriff und quetschen selbst schwer zugängliche Rohstoffe rücksichtslos aus ihr heraus. Daraus ergibt sich eine Rückwirkung des Ökosystems auf unser alltägliches Leben und die Umwelt. Selbst wenn man sich als Kritiker der Theorie der Erderwärmung oder der entstehenden Trockenperioden versteht, gibt es an dieser Entwicklung keine Zweifel. Mit den unüberschaubaren Müllbergen oder der totalen Plastikverschmutzung der Ozeane seien nur zwei Beispiele genannt, um die globale Tragweite dieser Rückkopplung zu verdeutlichen.

Zugleich impliziert der Begriff Anthropozän aber auch ein Narrativ, dass diese Entwicklung kritisiert und den Umgang des Menschen mit der Natur angreift. Eine Ent-schleunigung einer be-schleunigten Welt scheint die naheliegende Lösung, steht dem Fortschrittsdogma der Moderne allerdings konträr gegenüber. In den westlichen Gesellschaften folgt daraus eine Art anhaltender Umweltaktivismus, der vordergründig in den bildungsbürgerlichen Schichten auftritt: Man fährt gelegentlich mit dem Fahrrad statt mit dem Auto, man vermeidet die Nutzung von Plastikbechern bei einem Coffee-to-go und setzt sich für den Atomausstieg ein. Auf wissenschaftlicher Seite hingegen beschäftigen sich die Lösungsvorschläge vor allem mit der Kooperation verschiedener Wissenschaftszweige mit der Hoffnung, die große technische Lösung bzw. den großen Coup zu landen, der es ermöglicht, die schwindenden Ressourcen effektiver einzusetzen oder recyclen zu können –  die Antwort der Wissenschaft soll also eine weitere Optimierung der Technik sein, die aber automatisch Teil des selben Spiels bleiben muss.

Der Zivilisationsprozess, der unter anderem auf technischem Fortschritt basiert, soll offen gehalten und dessen Fortsetzung gewährleistet werden. Eine grundsätzliche Wachstumsrücknahme ist innerhalb dieses Dogmas unvereinbar und findet im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Mainstream folglich auch kaum Beachtung. Eine solche freiwillige weltumspannende Wachstumsreduzierung würde ferner eine relativ einheitliche, globale Ethik voraussetzen, die eine Mäßigung des Konsumverhaltens der gesamten Menschheit verstärken soll. Ein solches globales Verantwortungsbewusstsein ist allerdings nur ein Wunschtraum, allein schon aus dem Grund, dass die Lebenswelten der unterschiedlichen Akteure viel zu weit auseinanderliegen. Diese Wachstumsrücknahme auf politischem Wege umzusetzen ist ebenso abwegig, dafür mangelt es ebenso an durchsetzungsfähigen Institutionen wie dem grundsätzlichen Interesse einer solchen Reduzierung.

Diesen Eindrücken zur Folge scheint es so, als könne die Antwort auf die Entstehung des Anthropozän nur technischer Natur sein, da es ja schließlich auch die Nutzung und Herstellung der modernen Technik ist, die diese Entwicklung primär bedingt hat. Eine freiwillige Rückkehr zu einem vortechnischen Zustand scheint jedoch höchst unwahrscheinlich zu sein, wenn man in Betracht zieht, wie weit der menschliche Alltag von technischen Erfindungen dominiert wird.

Neben den äußeren, wissenschaftlichen Merkmalen des Anthropozän wie z.B. der völligen Instabilität der Umgebungsbedingungen, durch die die „Evolution in neue Bahnen gezwungen wird“ (Mike Davis) ist aber auch die inhärente Sinnkrise des modernen Menschen ein Ergebnis, das mit dieser Entwicklung korreliert. Der Verfall der Städte, die Vereinzelung des Individuums in der Gesellschaft oder die Flucht in digitale Welten sind Ergebnisse, die unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass die wahre Welt, die Natur, aus dem Alltag des Menschen verschwunden ist und, um mit Martin Heidegger zu sprechen, nur noch als „Bestand“ betrachtet werden kann. Als Bestand, der die Rohstoffe für die nächste technische Innovation bereitstellt oder als Bestand für eine aktive Freizeiterholung. Der ursprüngliche, organische Zusammenhang zwischen Mensch und Natur wurde auf mehreren Ebenen beinahe völlig aufgelöst.

Hervorzuheben bleibt, dass das Anthropozän die Folge eines metaphysischen Vorgangs der Neuzeit ist, der in Europa durch das naturwissenschaftliche Erkenntnisverfahren zuerst und am intensivsten umgesetzt wurde. Ein Vorgang, in der die Rationalisierung des Weltbildes und die neuzeitlichen Wissenschaften begründet liegen, die all jene Techniken hervorbrachte, die heute in letzter Konsequenz alle verfügbaren Rohstoffe herausfordern. Liegt also die mögliche Antwort auf das Anthropozän in ganz anderen Sphären als auf den ersten Blick angenommen?

Literatur

Paul Crutzen/Mike David u.a. (Hg.), Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang, Berlin 2011.

Peter Sloterdijk, Das Anthropozän, in: ders., Was geschah im 20. Jahrhundert?, Frankfurt 2016.

Eckart Ehlers, Das Anthropozän. Die Erde im Zeitalter des Menschen, Darmstadt 2008.

 

2 KOMMENTARE

  1. Die Zerstörung unseres Planeten durch ständig steigende Wachstumsraten in allen Formen, vor allem die Bevölkerungsexplosion und das Wirtschaftswachstum, hat niemand so gut dargestellt und eindringlich gewarnt, wie der Ökologe Herbert Gruhl. In seinen Letztwerk “Himmelfahrt ins Nichts” (1993) geht Gruhl der Beweisführung nach, daß die menschliche Zivilisation nicht mehr zu retten ist. Die Karawane der Blinden zieht weiter – in den Abgrund!! Jeder kann es an den Flüchtlingszahlen erkennen, ohne daß in den Ursprungsländern eine Entspannung der Bevölkerungsexplosion geben könnte.
    Ein vergessenes Referat aus dem Jahr 1988:
    Ist das zerstörte Fließgleichgewicht wieder herstellbar? Herbert Gruhl

    http://heimattreu-naturkonservativ.npage.de/ist-das-zerstoerte-fliessgleichgewicht-wieder-herstellbar-referat-aus-dem-jahr-1988-von-herbert-gru.html

  2. “Eine durch die Industrialisierung in Gang gebrachte totale Mobilmachung aller Ressourcen sollte diesen Prozess allerdings jäh beenden: Kohle, Erdöl, Elektrizität und Maschinen nahmen eine unvorhersehbare Eigendynamik an. Eine Urbanisierung und darauffolgende Entstehung von sogenannten Mega-Cities sowie die Technisierung unseres Alltags nehmen die Welt in den Würgegriff und quetschen selbst schwer zugängliche Rohstoffe rücksichtslos aus ihr heraus.”
    Aber die Ausbeutung der fossilen Rohstoffe kommt in den nächsten Jahrzehnten an ihr Ende und dann werden die viel zu vielen Menschen ein großes Problem haben. Es ist zu befürchten, daß es durch diese Energiekrise zu großen Verteilungskonflikten und zu Krieg kommen wird.
    Wohnen in Mega-Cities wird dann gefährlich sein und die Leute werden ihr Überleben auf dem Land suchen.

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