Selbstauflösung als Prinzip

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Wer junge Heranwachsende autochthoner Herkunft genauer betrachtet, dem offenbart sich die „Totalherrschaft der Gegenwart“ (Botho Strauß). Sie ist der Feind jedes schicksalhaften In-die-Zukunft-Blickens, denn wer nicht weiß, woher er kommt, der kann auch nicht wissen, wohin er gehen soll. Wo liegen die Wurzeln dieses  Lebens im Ahistorischen, des seichten Dahindämmerns einer wohlstandsbetäubten Generation, die sich zwischen Mc-Drive und Tinder-Date im Labyrinth der unzählbaren Identitässurrogate verirrt?

Das System der Vereinzelung

Historisch gesehen ist der derzeitige Lähmungszustand ein Ergebnis absoluter Zwangsläufigkeit. Nach zwei verlorenen Weltkriegen, angefacht von chauvinistisch-nationalistischen Massenpsychosen, in Kombination mit der technischen Durchführbarkeit totaler Vernichtung des Feindes, erschien es angebracht, die (deutsche) Kollektivneurose nicht etwa zu heilen, sondern zugunsten der „Nie-wieder-Attitüde“ unentwegt Salz in die Wunden zu streuen. Ein verstehbarer Akt, sollte so nämlich die Identifikation der neuen Generationen mit den vorangegangenen erheblich erschwert werden. Heute sieht man, dass diese Saat vollends aufgegangen ist: Der durchschnittliche Jugendliche von heute ist die Blaupause für die anti-historische „Persönlichkeit“ der kommenden Geschlechter.

Der Schnitt mit der Geschichte ist jedoch keineswegs perfekt. Eine klare Tendenz ist dennoch deutlich erkennbar: Je weiter die Zeit voranschreitet, desto „atomisierter“ die Individuen, desto fragmentierter die „Gesellschaft“. Schon heute setzt sich im globalen Kontext die Tendenz durch, dass die Masse der in Großstädten Lebenden ihre Nachbarn höchstens vom Sehen her kennen. Diese Entwicklung jedoch wurzelt in den Tiefen der Entstehungsgeschichte der Moderne, weshalb die oben beschriebenen Zustände nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Hannah Arendt stellte in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft fest, dass vereinzelte und auf sich selbst zurückgeworfene, jeder geistigen und kulturellen Tradition entzogene Individuen nicht kollektiv gegen diesen Missstand aufbegehren können. Das sollte ein heißer Wunschtraum vieler Sozialisten bleiben. Man ist mit einer irreversiblen Entwicklung konfrontiert, wenn die liberalistische Individualisierung ins Rollen gebracht ist. Die unantastbare Freiheit des Individuums ist im liberalen Denken die raison d’être: das „Ich“ ist das Einzige und Ganze zugleich. Wenn Gesellschaft von hier aus gedacht wird, ist es schlicht unvorstellbar, eine Vision jenseits des Konsumismus und hedonistischer Triebbefriedigung zu finden.

An diesem Punkt befindet sich heute der ganze „westliche“ Kulturraum, wobei sich diese historisch einzigartige, scheinbar freiwillige Preisgabe des Lebenswillens nirgendwo sonst so stark manifestiert wie in Deutschland. Die Abwesenheit eines positiven Bezugsrahmens des Eigenen, kombiniert mit Unbildung sowie omnipräsenter Beschallung mit US-Plastikkultur bringt ebenjenen Typus hervor, der nur sich selbst kennt und nur sich selbst will. Das Aufgehen in transzendenten Mythen, die sich seit Menschengedenken z.B. im Glauben oder später in den politischen Religionen manifestierte, stirbt aufgrund der ideologisch zertrümmerten Unmöglichkeit sukzessive aus, ebenjenen nachzuspüren. Selbst jene, die noch willens sind, sich nicht bequem in der Gummizelle der post-histoire einzurichten, verlieren angesichts ihrer verblendeten Zeitgenossen die Hoffnung auf eine Renaissance des freien europäischen Geisteslebens. Ein weiteres Grundproblem wird offenbar, wenn man sich vor Augen führt, dass es hier eben nicht einzelne ominöse „Drahtzieher“ in verqualmten Hinterzimmern sind, die diese Entwicklung forcieren. Das Gegenteil ist der Fall: Der Prozess der Auflösung kollektiver Identitätszusammenhänge hin zum Hyperindividualismus entspringt der europäischen Aufklärung und ist deren zwangsläufige Destination. Oswald Spengler kleidet diesen Prozess in folgende Metapher:

„Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.“

Freiheit zur Selbstauflösung

Im Rückspiegel der Geschichte scheint diesbezüglich sogar die Weimarer Republik ein wahres Kleinod an geistiger Fruchtbarkeit gewesen zu sein, sieht man vom desaströsen Ausgang ab. Man denke nur an die verschiedenen weltanschaulichen Milieus (katholisch, national, konservativ, sozialdemokratisch, kommunistisch etc.) mitsamt Verlagen, Zeitungen und Straßenvierteln. Dagegen ist die allzeit beschworene „pluralistische“ bundesrepublikanische Gesellschaft ein blasses Abbild ihres eigenen Anspruchs. Doch sind es nicht eben jene Verwüstungen, die uns beim Zurückblicken verharren lassen und uns zur „Versöhnung“ mit den herrschenden Verhältnissen zwingen? Bezeugen die Schuttwüsten der eigenen Vergangenheit nicht, dass ein unumkehrbarer Bruch notwendig ist? Muss man sich als Kollektiv in einem historisch nie dagewesenen Prozess selbst radikal verneinen, um die Weltöffentlichkeit von den gelernten Lektionen zu überzeugen, auf dass so etwas nie wieder passiere? Darf man sich moralisch weiterhin derartig erpressen lassen, oder liegt in ebenjener Totalverneinung der eigenen nationalen Existenz der Schlüssel zum Universalfrieden mit anderen geschichtlich wirkmächtigen Völkern, oder anders gefragt: Kann man als Angehöriger einer zweifach komplett zu Boden geworfenen Nation noch vom Willen beseelt sein, wieder eigenständig Politik im Weltmaßstab zu betreiben; also im Verfolgen der eigenen Interessen schlichtweg das zu tun, wofür die (europäischen) Nationalstaaten mithin aus der Wiege gehoben wurden?

Diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten, doch gerade die Deutschen sind bekannt dafür, von einem Extrem ins andere zu verfallen. Der nach dem Zweiten Weltkrieg angestoßene Prozess, innerhalb dreier Generationen vom modus vivendi des „Du bist nichts – dein Volk ist alles“ ins radikalliberale Fortissimo des anything goes einzustimmen, hat in der kollektiven Identität eine massive Neurose hinterlassen. Das immer wiederkehrende Dilemma bahnt sich in seinen Grundzügen an: Der Drahtseilakt des Einzelnen in der liberalen Ordnung zwischen kollektiver und individueller Identität. Wir sind der Überzeugung, dass das Eine nicht ohne das Andere zu haben ist. Frei nach Alain de Benoist bedeutet dies, dass man die Geschichte seiner Vorfahren, und damit einhergehend die seiner Nation, zu einem Teil seines eigenen Ichs machen muss, damit man den Anderen in seiner Andersartigkeit überhaupt anerkennen und respektieren kann. Hier liegt der Schlüssel für wechselseitiges Verständnis: Weil andere Kulturkreise die tiefe Sinn- bzw. Identitätskrise des „Westens“ nicht im geringsten nachvollziehen oder auf sich selbst projizieren können, nützt es rein gar nichts, mit „gutem Beispiel voranzugehen“ und jegliche Kollektividentitäten wie einen alten Mantel abzustreifen. Der Selbstkritik und dem „Unbehagen in der Kultur“ (Sigmund Freud) wohnt der Keim zur Selbstzerstörung von vorherein inne. Wer seine Kultur aber auf den Müllhaufen der Geschichte werfen will oder auch nur dabei zusieht; wer gern auf Gräber spuckt anstatt sie zu pflegen, dem sei mit Michael Klonovsky gesagt:

“Liberal nennt man jene Gesellschaften, die binnen weniger Generationen Platz machen für weniger liberale Völker.”

Sackgassen und Scheidewege

Grundsätzlich gilt: Weder die radikale Verneinung bzw. Vernichtung des Eigenen (wie von linksaußen praktiziert) noch der quasireligiöse Götzendienst an der eigenen Nation werden die Identitätsfrage auf lange Sicht hin lösen können. Erstere steht in globalistisch-marxistischer Tradition, dessen kolossales Scheitern nicht weiter aufgezeigt werden muss, während letzterer im zerstörerischen Teufelskreis des dumpfen chauvinistischen Nationalismus spätestens ab 1945 ein Ende hätte finden müssen. Durch blindes Umherirren in den ideologischen Labyrinthen des 20. Jahrhunderts läuft man Gefahr, die (geistigen) Bürger- und Bruderkriege erneut auszufechten und sich im einen wie im anderen politischen Spektrum sinnlos in Freikorps- und Rotfrontromantik zu verlieren.

Europa steht heute und in den kommenden Jahren am Scheideweg. Die gesellschaftlichen und demographischen Umwälzungen sind von derartiger Heftigkeit, die jeden frei Denkenden irgendwann zwangsläufig an die Identitätsfragen heranführt: Wer waren wir, wer sind wir und wer wollen wir in Zukunft sein? Was die Zukunft bringt, ist ungewiss, doch eines steht fest: Geht es weiter wie bisher, wird in wenigen Jahrzehnten rein gar nichts mehr von dem vorzufinden sein, wofür sich vorangegangene Generationen für uns verzehrt haben.

Weiterführend (Auswahl):

Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, München 1952.

Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus. Imperialismus. Totale Herrschaft, München 2008.

Botho Strauß, Aufstand gegen die sekundäre Welt, München 2004.

Titelbild: pxhere/CC0