Vernunft und Archaik: Der Anwalt und sein Schreiber (1)

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Wie verhält sich ein aufgeklärter und gebildeter Mensch, wird er mit dem Irrationalen konfrontiert?

Auf markante Weise wird dies in Herman Melvilles Erzählung von 1856 „Bartleby The Scrivener. A story of Wall Street“ beschrieben, ja beinahe durchdekliniert. Die Geschichte um den kauzigen Einzelgänger Bartleby, den Melville zeitweise in einer New Yorker Kanzlei als Schreiber (eigentlich als Ab-schreiber, Kopist) beschäftigt sein läßt, ist schnell erzählt: Bereits in den ersten Tagen seiner Anstellung verdeutlicht der als blaß und ruhig charakterisierte junge Mann, daß er nichts anderes tun will und wird als abzuschreiben. „I would prefer not to“ ist seine standardisierte Antwort auf alle Versuche seines Arbeitgebers, ihn in die alltäglichen Tätigkeiten der Angestellten einzubinden. Er möchte also weder die Kopien mit den Originalen vergleichen, noch auf die Straße gehen, um für seinen Chef etwas einzukaufen, oder auch nur einen Kollegen aus dem Vorzimmer holen. Er sitzt den ganzen Tag hinter einem Paravent im Zimmer seines Arbeitgebers, ißt nie etwas anderes als Ingwerplätzchen, schreibt und schaut in den Pausen unbewegt auf die Brandmauer des Nachbarhauses, die eine weitere Sicht versperrt.

Durch Zufall findet der Anwalt heraus, daß Bartleby nicht nur hinter dem Paravent arbeitet, sondern auch ebendort wohnt. Einige Zeit später stellt Bartleby auch noch das Kopieren ein und steht den ganzen Tag nur noch am Fenster. Der Anwalt, der aus der Ich-Perspektive berichtet und mit Ende Fünfzig viel älter ist an Bartleby, ist ratlos. Einmal ums andere versucht er gutwillig und geduldig, aus seinem Angestellten schlau zu werden. Aber dieser gibt sich einsilbig, schlägt die gutgemeinten Angebote seines Dienstherren aus und gibt zu verstehen, daß er keinerlei Änderung des gegenwärtigen Zustand wünsche. Dessen Frage, was denn der Grund seiner Verweigerung sei, beantwortet er mit der Gegenfrage „Sehen Sie denn nicht selbst den Grund?“

Einige Tage nach dem Entschluß Bartlebys, auch das Kopieren einzustellen („I have given up copying.“), beendet der Anwalt das Arbeitsverhältnis formal. Aber der Sonderling setzt sich über die Kündigung hinweg und verläßt seinen Platz hinter dem Paravent nicht. Der Anwalt, der sich selbst in dieser Erzählung als ehrgeizlos, zuverlässig, planvoll und von vorsichtiger Klugheit beschreibt, weiß sich nicht anders zu helfen, als das ganze Büro in andere Räume umziehen zu lassen. Bartleby bleibt im Treppenhaus zurück und wird vom Nachmieter in ein Gefängnis gebracht. Dort besucht der Anwalt ihn und will seine Lage verbessern, ihm z.B. zu nahrhafteren Speisen verhelfen, aber Bartleby reagiert kaum, steht immer nur auf dem ruhigsten der Höfe und starrt auf eine hohe Mauer. Nahrung scheint er nicht zu sich zu nehmen. Eines Tages liegt er tot am Fuße der Gefängnismauer.
Melville läßt die Geschichte mit dem inbrünstigen Ausruf des Anwaltes enden: „Ach Bartleby! Ach Menschenherz!“

Wie erklärt sich die grundsätzliche Verweigerung des noch jungen Mannes?

Melville selbst schien nicht darauf zu vertrauen, daß seine Geschichte sich von selbst versteht, denn er hielt es für nötig, auf der letzten Seite seinen Lesern eine Erklärungshilfe an die Hand zu geben, die ein biographisch-psychologisches Argument liefert:
Recherchen hätten ergeben, daß Bartleby vor seiner Anstellung beim Anwalt ein untergeordneter Schreiber im Amt für unzustellbare Briefe in Washington gewesen sei.

„Denken Sie sich einen Mann, der von Natur und aus Mißgeschick zu trüber Hoffnungslosigkeit neigt, kann da eine irgendeine Tätigkeit geeigneter sein, diesen Zug zu verstärken, als die, beständig mit Briefen an Tote umzugehen und sie für die Flammen auszusortieren?… Im Auftrag des Lebens eilten diese Briefe dem Tode zu.“

Selbst bei dem nachgeschobenen Versuch einer psychologischen Deutung des Bartlebyschen Verhaltens durch den Ich-Erzähler am Ende der Geschichte wird weniger über das Individuum Bartleby verraten, als dass er etwas über das Bedürfnis des Chefs ausdrückt, eines aus dem Rahmen fallenden Phänomens auf herkömmliche, d.h. aufklärerisch-logische Weise Herr zu werden. Dieser Nachtrag macht eher noch das Unangemessene, Unpassende eines solchen Herangehens deutlich, als dass es den Leser befriedigen würde. In der amerikanischen Verfilmung von 1969 (Regie: Larry Yust) ist auf diesen Nachtrag vollkommen verzichtet worden. Der Schlüssel für die totale Verweigerung des Schreibers muß wohl auf einer anderen Ebene gesucht werden.

Bartlebys Verhalten ist absurd. Aber er glaubt offenbar, bis zu einem gewissen Grad von seinem Chef verstanden zu werden, hält sich für zumutbar. Doch der Anwalt ist nur verunsichert, schwankt beständig zwischen verschiedenen Erklärungs- und Reaktionsvarianten hin und her, spielt sogar für sein eigenes Verhalten verschiedene Begründungen durch und erscheint in seiner Darstellung als Relativist und Skeptiker. Im Umgang mit dem exzentrischen Schreiber ist er noch nachsichtiger, langmütiger und verständnisbereiter, als er es bereits in Bezug auf die anderen Angestellten ist. Er stellt sich vollkommen auf dessen Eigenheiten ein und verlangt keine hundertprozentige Pflichterfüllung. Die Nachsicht des Chefs mit Bartleby stößt dann aber doch auf die Ungeduld und Verachtung der beiden anderen Schreiber-Käuze. Selbst für deren Toleranzbereich geht der Bartleby zu weit, läßt sich der Chef zu viel bieten.Bei allem Einfühlungsvermögen und –willen des Anwaltes kann er Bartlebys Verhalten nicht nachvollziehen. Er bleibt ihm fremd, wirkt beunruhigend und in seiner Absonderlichkeit unberechenbar und beängstigend – aber auch faszinierend.

In der französischen Verfilmung von Maurice Ronet aus dem Jahr 1978 wird der Akzent auf eben diese schwer nachzuvollziehende heimliche Sympathie des Anwaltes für den Außenseiter gelegt. Ronet zeigt dessen tiefe Ergriffenheit von der Tristesse, der Lebensverweigerung Bartlebys und seine Anfälligkeit für dessen Ablehnung von allem, was sie beide umgibt. Der Anwalt hat sich der Tyrannei des Alltags, der Routine, der Ordnung unterworfen, ist aber nicht glücklich oder zufrieden. Er funktioniert nur. Des Schreibers mangelnde Anteilnahme an seiner Außenwelt zieht ihn auf widersprüchliche Weise an. Und er kommt ihm näher als jeder andere. Indem er seinen Schützling davon überzeugen will, sich auf die Seite des Lebens zu schlagen, bekämpft er die Zweifel, die insgeheim an ihm selbst nagen. Interessant (aber nicht überraschend) ist, daß der Anwalt trotz seiner Freundschaftsbekundungen und der versuchten Einfühlung in seinen Angestellten diesem lediglich vernünftige Vorschläge zur Gestaltung seines (beruflichen) Lebens unterbreitet, von denen er von vornherein wissen müßte, daß sie unsinnig sind und nur erneut die Formel auf Bartlebys Lippen erscheinen lassen würden. Der namenlose Anwalt ist hilflos der Vernunft des Jedermann verbunden, schafft es nicht, sich dem Irrationalen anzuverwandeln.

Enrique Vila-Matas setzt in seinem Buch „Bartleby & Co.“ den Akzent bei der Interpretation des Bartlebyismus auf das Heroische der Negation und legt nahe, daß es dem Autor selbst ebenfalls um eine positive Würdigung des Negativen zu tun war. Im Zusammenhang damit erfährt der Selbstmord für Vila-Matas eine originelle Variante: Bartleby habe nie den plumpen und geraden Weg zum Tod durch eigene Hand gewählt oder das Jammern und Davonstehlen, weil er gescheitert war. Seine Niederlage sei einfach, komplex und subtil gewesen. Er habe auf großartige Weise aufgegeben: er begnügte sich damit, Kekse zu essen und damit immer wieder die Bedingung dafür zu erfüllen, NEIN zu sagen. Vila-Matas sieht in Bartleby also eine Art Selbstmörder aus Trotz. Aus dem Geist des Widerstandes heraus hätte sich der Schreiber über einen längeren Zeitraum hin auf Raten aus dem Leben gestohlen. Er wäre damit ein Toter zu Lebzeiten gewesen. Vila-Matas sieht Nathanael Hawthorne und in der Folge Herman Melville als „Initiatoren der schwarzen Stunden der Kunst der Verneinung“.

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