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Die Umbrüche der Arbeitsgesellschaft – Richard Sennett

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Flexibilität und eine permanente Aufforderung zur Anpassung zeichnen die Struktur des postmodernen Kapitalismus aus. Der Soziologe Richard Sennett analysiert, wie sich dieser flexible Kapitalismus auf den Alltag der Menschen auswirkt und dadurch allen gesellschaftlichen Bindungen den Boden entzieht. Es entsteht eine Gesellschaftsordnung, die den Menschen “keinen tieferen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern”.

Die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ lässt sich nur aus dem starken Zusammenhang zwischen individueller Identität und Arbeit verstehen, der in ihr herrscht. Das Problem sind nicht die im Folgenden dargestellten Umbrüche, sondern ihre Auswirkung auf die Ausbildung einer personalen Identität – auf den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit diesen Folgen.

Qualitative Umbrüche: Der flexible Kapitalismus

Es ist ein Verdienst des amerikanischen Soziologen und Philosophen Richard Sennett, mit seinen zwei Büchern „Der flexible Mensch“ und „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ auf den bedeutenden Strukturwandel des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hingewiesen zu haben. In „Der flexible Mensch“ widmete er sich der Frage, welche Auswirkungen der Wandel vom Fordismus hin zum flexiblen Kapitalismus auf den Charakter des Menschen hat. In „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ rückte der Fokus mehr auf die Makroebene.

Die Grundlage für die Analysen von Richard Sennett stellt seine These dar, dass sich der Kapitalismus im 20. Jahrhundert von einem „industriellen Kapitalismus“ hin zu einem „flexiblen Kapitalismus“ gewandelt hat. Der „industrielle Kapitalismus“ zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass das (Arbeits-)Leben stabil und langfristig planbar war:

„Jahr um Jahr gingen sie Arbeiten nach, die sich von Tag zu Tag kaum unterschieden.“

Die Menschen konnten davon ausgehen, dass sie ihr ganzes Leben in ein und demselben Unternehmen angestellt bleiben würden. Trotz ihrer Abhängigkeit hatten sie das Gefühl, selbst Autor einer eigenen Lebensgeschichte zu sein und ihre Karriere, der wichtigste Lebensentwurf in der Arbeitsgesellschaft, planen zu können.

Dem entgegen zeichnet sich der „flexible Kapitalismus“, den wir gegenwärtig erleben, nicht nur durch kleine Unterschiede aus, sondern ist in seiner gesamten Grundstruktur anders beschaffen. Er zeichnet sich nach Sennett durch drei Merkmale aus:

Diskontinuierlicher Umbau von Institutionen

Damit meint Sennett, dass Unternehmen so entscheidend und unwiderruflich verändert werden, dass keine Beziehung zwischen ihrer Gegenwart und ihrer Vergangenheit mehr besteht. Das Management gehe vom Prinzip des „Reengineering“ aus, was vor allem in Personaleinsparungen zum Ausdruck käme. Praktiken wie der Gebrauch sogenannter SIMS-Software zur Überwachung der Angestellten, die „Ausdünnung“, die einer kleinen Zahl von Managern Kontrolle über eine größere Zahl von Angestellten gibt und die „vertikale Auflockerung“, welche einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern mehr und verschiedenartigere Aufgaben zuweist, sind Teil solcher Reengineering-Pläne. Ausgelöst werden sie durch erwartete Effizienzsteigerungen, obwohl Umfragen zeigen, dass dieses Ziel nur selten erreicht wird und die meisten Umstrukturierungsmaßnahmen scheitern. Unter anderem für den Misserfolg verantwortlich sind Entlassungswellen, welche demotivierte Mitarbeiter zurücklassen. Nichtsdestotrotz bringt es einen Kapitalgewinn durch das Steigen der Aktien, die dadurch hervorgerufen werden, dass Veränderung stets als positiv bewertet werden.

Flexible Spezialisierung der Produktion

Sennett thematisiert unter diesem Schlagwort, dass viele Unternehmen kurzfristig Marktnischen besetzen. Das stellt ein Gegenmodell zum Fordismus dar. Es geht dabei darum, eine breitere Produktionspalette in kürzerer Zeit auf den Markt bringen zu können. Dafür wird die Binnenstruktur eines Unternehmens zugunsten der sich ändernden Anforderungen der Außenwelt angepasst. Für den Arbeiter bedeutet das, dass er oft innerhalb eines Tages eine vollkommen andere Tätigkeit ausüben muss.

Konzentration der Macht ohne Zentralisierung

Das dritte Merkmal ist, dass die Macht in einem Unternehmen nicht mehr räumlich zentriert ist, aber trotzdem konzentriert bleibt. Durch die technischen Möglichkeiten ist sie zugleich effizient und formlos. Die Dezentralisierung erweckt den Anschein, dass den Menschen auf den niedrigen Ebenen von Unternehmen mehr Kontrolle über ihr handeln gegeben wird. Das ist aber nur eine vorgegaukelte Freiheit, da die durch die Dezentralisierung hervorgebrachten Arbeitsgruppen häufig bewusst überlastet werden. Dasselbe gilt auch in Anbetracht von Konzernen: Das maßgebliche Mutterunternehmen lagert Aufgaben aus, behält die abhängigen Unternehmen jedoch fest im Griff. Diese dürfen sich zwar aussuchen, wie sie produzieren, aber angesichts der nur schwer erreichbaren Ziele steigt der Druck. Die Zwänge sind dabei größer als sie durch die normale Regulierung von Angebot und Nachfrage wären.

Diese drei Elemente des ökonomischen Denkens führen zu einer nachhaltigen Veränderung des Charakters der Arbeiter. Sie fördern einen Typus von Mensch, der keine langfristigen Bindungen aufbaut, bereit ist, alles zu opfern und im Chaos erst so richtig aufblüht. Diese Menschen müssen sich problemlos von der eigenen Vergangenheit lösen können. Für die Frage nach der Identität spielen vor allem zwei Folgen dieses Strukturwandels eine Rolle:

Unlesbarkeit

Noch in den 60er-Jahren war für einen Menschen leicht ablesbar, welche soziale Stellung er in der Gesellschaft innehatte. Sennett schreibt, dass diese vor allem aus Geschlecht und ethnischer Herkunft resultierte, um hinzufügen, dass auch ein Fehlverhalten bei der Arbeit sich auf das Ansehen innerhalb der ethnischen Community auswirkte und deshalb jeder auch als guter Arbeiter respektiert werden wollte. Die Flexibilisierung hat dazu geführt, dass die Aufgaben von Arbeitern heute oft wechseln. Eine Folge davon ist, dass Maschinen in der Benutzerfreundlichkeit so ausgerichtet sind, dass kaum mehr berufliche Kenntnisse für ihre Bedienung notwendig sind. Arbeiter bedienen nur noch vollautomatisierte Maschinen, haben aber kaum mehr handwerkliche Kenntnisse oder ein tieferes Wissen vom Produktionsprozess. Die Unfähigkeit, im Falle eines Maschinenausfalles das Problem selbst zu lösen, schlägt sich auch auf das Selbstwertgefühl der Arbeiter nieder. Vor allem aber fällt die Identifizierung mit dem Beruf zunehmend schwerer. Anstatt einer Empörung über diese Entfremdung vom eigenen Produkt, wie sie die klassisch marxistische Theorie prophezeite, sind die Arbeiter schlicht verwirrt und verstehen nicht mehr, welchen Sinn ihre geistlose Tätigkeit eigentlich hat und welche Rolle ihnen deshalb in der Gesellschaft zukommt.

Diskontinuität

Eine zweite entscheidende Folge ist, dass die Arbeiter es kaum mehr schaffen, einen realistischen Lebensentwurf zu erstellen, geschweige denn ihn zu erreichen. Das Ende der lebenslangen Anstellung und die Unmöglichkeit einer Laufbahn innerhalb einer einzelnen Institution durchkreuzen jede Planung. Aus den lebenslangen Berufen wurden kurzweilige Jobs. Wie Nomaden folgen die Arbeiter den freigewordenen Stellen und es stellt sich die Frage, wie langfristige Ziele in einer Ökonomie verfolgt werden können, die auf Kurzfristigkeit angelegt ist.

„Die Bedingungen der neuen Wirtschaftsordnung befördern vielmehr eine Erfahrung, die in der Zeit, von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet.”

Identität ist nicht nur eine Erzählung von der Vergangenheit, sondern umfasst auch die Ziele und Wünsche einer Person für die Zukunft, die im flexiblen Kapitalismus vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Drohung, „ins Nichts zu fallen, ‚nichts aus sich machen zu können’, das Scheitern daran, durch Arbeit eine Identität zu erlangen“, stehen.

Diese zwei Folgen des flexiblen Kapitalismus, nämlich dass die Menschen ihre soziale Stellung und den Sinn ihrer Arbeit kaum mehr ablesen können sowie die Unmöglichkeit durch Arbeit eine Karriere zu planen, machen es für die Menschen zunehmend schwerer, ihre personale Identität anhand ihrer Erwerbsarbeit zu entwickeln.

 

Quantitativer Umbruch: Vom „Ende der Arbeit“

Bis zur Neuzeit stellte die stetige Veränderung des Arbeitsvolumens kein Problem für die Menschen dar. Die mittelalterlichen Institutionen konnten sich ohne größere Probleme am Rhythmus der Notwendigkeit ausrichten.

Mit dem Entstehen der Manufakturen und Fabriken war dies nicht mehr so einfach möglich. Die hohen Investitionskosten der Maschinen rentierten sich nur, wenn sie möglichst rund um die Uhr mit abwechselnder Belegschaft betrieben wurden. Das führte zu einem steigenden Arbeitskräftebedarf, den die Industrie mit Arbeitskräften deckte, an die sie keine hohen Anforderungen stellte. Dieser steigende Bedarf sorgte dafür, dass u.a. die Armen in den Fokus gerieten, die bis dahin akzeptiert mitversorgt wurden. Nach der mittelalterlichen, christlichen Lehre waren die Armen nämlich für die Reichen notwendig, damit diese das Seelenheil erlangen konnten. Diejenigen, welche nicht arbeiteten, wurden nun im Gegensatz zur mittelalterlichen Anschauung immer mehr als „faul“ und an ihrem Schicksal „selbst Schuld“ betrachtet.

1712 wurde die erste Dampfmaschine zum Abpumpen von Wasser in Bergwerken eingesetzt und 1785 der erste voll mechanisierte Webstuhl in Betrieb genommen. Seitdem stieg die Produktivität der Arbeitskraft in schwindelerregende Höhen und eine technische Errungenschaft folgte der nächsten. Doch selbst im fortgeschrittenen Stadium bedeutete diese Entwicklung keinesfalls unbedingt eine Minderung des Arbeitskräftebedarfs. Wo Maschinen menschliche Arbeitskräfte ersetzten, mussten Maschinen gebaut und Menschen für sie ausgebildet werden. Das schuf Arbeitsplätze auf höherer Ebene.

Zunächst fand im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ein Strukturwechsel der europäischen Gesellschaften von Agrar- zu Industriegesellschaften statt. In den 1940ern war Jean Fourastié einer der ersten, der angesichts der fortschreitenden Rationalisierung den weiteren Wandel zu Dienstleistungsgesellschaften voraussah und sie als „die Große Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete. Denn die Rationalisierung schritt unermüdlich voran, was vor allem den Industriesektor betraf. Fourastié ging davon aus, dass dies im Dienstleistungssektor nicht möglich sei – eine Annahme die spätestens die digitale Revolution widerlegte.

Während vor der Einführung des maschinenbetriebenen Fließbandes im Jahr 1913 noch zirka zwölf Arbeitsstunden zur Produktion eines Ford’schen Automodells „Tin Lizzie“ eingesetzt werden mussten, waren es nach Einführung des Fließbandes nur noch 93 Minuten. Die Herstellung eines Personenkraftwagens im Volkswagen-Konzern Anfang der 1990er-Jahre dauerte durchschnittlich 167 Stunden, zehn Jahre später nur noch die Hälfte der Zeit. Auch in der zunehmend industrialisierten Landwirtschaft bedeutet das Ausbringen junger Weinstocksetzlinge keine wochenlange mühselige Kleinarbeit wie in den 1980ern mehr, sondern ganze Weinberge lassen sich heute in wenigen Stunden unter Einsatz von lasergesteuerten Setzmaschinen bepflanzen. So scheint der Bedarf an industriellen Arbeitskräften durch die Verwendung immer „intelligenterer“ Maschinen tatsächlich gegen Null zu tendieren. Die entstehenden menschenleeren Fabriken vielerorts zeugen davon.

Am Beginn der 1980er-Jahre entzündete sich deshalb im deutschsprachigen Raum die Debatte um das „Ende der Arbeit“, der eine berühmte Diagnose von Hannah Arendt in „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ vorangegangen war. Das Erwerbsarbeitsvolumen sank seit den 1880ern um beinahe zwei Drittel, die allgemeine Freizeit der Erwerbstätigen versechsfachte sich, die durchschnittliche Lebensarbeitszeit halbierte sich. John Maynard Keynes Prognose in seinem berühmten Aufsatz „über die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“ (1930/2007), wonach in der Zukunft die Menschen nur noch drei Stunden am Tag arbeiten müssen, scheint sich verwirklichen zu können.

Zu diesem Rationalisierungsprozess kommen weitere Faktoren hinzu, die das verfügbare Arbeitsvolumen pro Arbeiter reduzierten. So hat die Frauenemanzipation ein unglaubliches Maß an zusätzlicher Arbeitskraft zur Verfügung gestellt und die Migration von Fabriken in Niedriglohnländer einen beachtlichen Teil des Arbeitsvolumens ausgelagert. Das führte zur „Krise“ der Dauerarbeitslosigkeit, also dem dauerhaften Missverhältnis zwischen der Nachfrage an Erwerbsarbeit und dem Angebot an bezahlbaren Arbeitsplätzen.

Jedoch ist Keynes Prognose einer Verteilung des Arbeitsvolumens auf je drei Stunden nicht eingetreten, sondern eine Situation, die Richard Sennett in einem Interview so beschreibt:

„Einige arbeiten bis zum Umfallen und werden krank deshalb, andere, wie etwa viele junge Menschen in Spanien, sind arbeitslos.“

Aktuelle Zahlen für Österreich bestätigen dieses Bild: 310.880 Menschen sind „arbeitslos“, weitere 56.642 Menschen befinden sich in „Schulungen“ (was mehr eine Maßnahme ist, damit diese Menschen nicht in die Arbeitslosenstatistik fallen).[1] Gleichzeitig sind nach Schätzungen 1,1 Millionen Menschen in Österreich Burnout-gefährdet.[2]

Da die Produktionsraten offenkundig nicht ins Unendliche getrieben werden können, scheint eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung unter gleichbleibenden Arbeitsbedingungen illusorisch. Dass ein großer Teil der Bevölkerung daher dauerhaft von einer Erwerbsarbeit ausgeschlossen ist, muss als Faktum anerkannt werden. Das hat auch Folgen für die personale Identität der Betroffenen. Denn eine Gesellschaft, die sich als „Gesellschaft der Produzierenden“ versteht, schafft damit gleichzeitig ein Problem für die Selbstverortung arbeitsloser Menschen – ein „Gespenst der Nutzlosigkeit“ und eine soziale Heimatlosigkeit, wie sie Zygmunt Bauman in „Verworfenes Leben“ beschreibt. Die Menschen haben Arbeit zu so einem wichtigen Faktor für ihr Leben gemacht, dass daneben alles andere verblasste. Hannah Arendt umschrieb das Problem in „Vita activa“ wie folgt:

„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein? […] Es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde.“

[1] http://oesterreich.orf.at/stories/2724535/ (03.8.2015, zuletzt abgerufen am 27.02.18).

[2] http://www.gmx.at/magazine/geld-karriere/arbeit-oesterreich/burnout-land-oesterreich-ausgebrannt-fuehlen-30206588 (13.11.14, zuletzt abgerufen am 27.02.18).